“Was ihr aber nicht gesehen habt, das will ich euch jetzt verrathen. Er hat auch sein Weib, sein eigenes liebes Weib. Es ist das jene Stepperin, die mehr noch als alle anderen die Augen auf ihm hat, die sich nicht am meisten an ihn herandrängt, aber gewiß immer einspringt, wenn der Arme plötzlich durch Zufall irgendwo allein bleibt, die ihm die besten Bissen zuträgt und mit der größten Fröhlichkeit um ihn herum sich zu schaffen macht, als gäbe es kein größeres Glück, als die Beine an den Mann gebracht zu haben. Sie war in jungen Jahren schwächlich und sollte nicht heirathen und war recht verdrossen. Da erholte sie sich, ihre Lunge kräftigte sich, sie wurde das Bild der Gesundheit und als man sie jetzt unter die künftigen Ehefrauen einreihen wollte und ihr die Zöpfe wachsen ließ, trotzte sie und schnitt sich die Haare immer wieder ab. Man meinte, sie entsage aller Liebe und wolle der Gesellschaft nicht die Kränkung vergeben, daß man sie zurückgesetzt hatte. Da brachte man den blutenden Mann aus dem Maschinensaale, auch verstümmelt und halb, wie das Weib, das den Mann nicht haben soll, den es liebt, und Kinder zeugen und in den Armen geliebter Menschen sterben. Während der langen Leiden, die der Operation nachfolgten, pflegte sie den Armen in den Stunden, die ihr die Arbeit freigab. Sie kam anfangs häufig, dann immer öfter, schließlich wich sie nicht von seinem Bette und fing an, mit ihm zu scherzen und zu lachen, daß er alles Unglücks vergaß und ein lustiger Mann wurde, der derjenigen spottete, die Beine brauchen, um sich durch's Leben zu helfen. Sie war die erste, die ihn im Rollstuhle ins Freie brachte, aber sie machte doch auch anderen Mädchen gerne Platz, damit es dem Verstümmelten nicht an Freundinnen gebräche. Wir Communisten wollen uns nicht immer nur an einen hängen wir wollen alles besitzen und alle zu Freunden haben. Und so hielt sie sich in der Reserve und lehrte alle, wie sie es ihm am besten machen konnten. Und da der arme Jakob nicht der Welt nachlaufen konnte, wie wir alle, lief die Welt dem Jakob nach und er wurde der fröhlichste Mensch in Tulln, dem es an nichts gebrach und der nur wünschen durfte, auf einen hohen Berg zu gelangen, um sicher zu sein, dahin gebracht zu werden.”

“Und nun brach sich der Trotz der schönen Anna. Jetzt ist der Mann hergestellt und versorgt, jetzt soll er auch sein Weib haben. Nicht nach den Gesetzen der Gesellschaft, nein, ihr eigenes Gesetz wollte sie machen, der gerade sollte glücklicher werden, als alle anderen; das jetzt in Schönheit, Gesundheit und Fröhlichkeit strahlende Weib sollte er besitzen, gerade der sollte jetzt vor allen begünstigt sein und sie erklärte ihm, er müsse ihr Mann werden. “So wie ich es will, Jakob, ich will es so, gerade du sollst ein Liebesglück genießen, wie ein Olympier; nimm mich und ich werde es niemals in meinem Leben bereuen.” Und er nahm sie guten Muths, er vertraute, daß sie ihm, was sie ihm in dieser Stunde bot, niemals wieder rauben würde. Und so geschah es; sie sind ein glückliches Paar und niemals sah man sie verdrießlich oder besorgt, eifersüchtig oder gleichgültig. Der Fremde sieht es kaum, daß die zwei Mann und Weib sind. Es hat sie niemand getraut und sie haben keine Kinder, aber sie hängen so fest zusammen, als wären sie nur ein Leib. — Man machte mit ihnen auch eine Ausnahme. Es ist Liebesleuten, die nicht gesetzlich verheirathet sind, sonst das Zusammenwohnen nicht gestattet. Auch nächtliche Zusammenkünfte werden strenge geahndet. Aber in diesem Falle, wo so viele Gründe der Billigkeit zusammentrafen und wo es sich um die Pflege eines Mannes handelte, der auf die Hilfe anderer angewiesen war, gestattete man, was sonst verpönt war. Die Gesellschaft hatte ja auch auf einen Mann Rücksicht zu nehmen, der in der Arbeit war verstümmelt worden.”

“So verstehen wir die Nächstenliebe und so weiß sich der, dem die gesellschaftliche Ordnung nicht ganz gerecht werden kann, sein eigenes Glück zu zimmern. Wüchsen dem Jakob die Beine, es wäre vielleicht aus mit seinem und seiner Anna Glücke. Und nun, Freunde, hören wir Dr. Leete und Mr. Forest.”

“Dr. Leete hat dich, lieber West, wie folgt belehrt:”

“Ich muß auch noch erwähnen, sagte er, daß wir für diejenigen, welche in geistiger oder körperlicher Hinsicht zu schwach sind, als daß sie billigerweise in das Hauptheer der Arbeiter eingereiht werden könnten, eine besondere Classe haben, die außer Zusammenhang mit den anderen ist, eine Art Invalidencorps, dessen Mitgliedern leichtere, ihren Kräften angemessene Arten von Arbeiten zugewiesen werden. Alle unsere geistig oder körperlich Kranken, alle unsere Taubstummen, Lahmen, Blinden und Krüppel und selbst unsere Irrsinnigen gehören zu diesem Invalidencorps und tragen dessen Abzeichen. Die Stärksten unter ihnen leisten oft beinahe die volle Mannesarbeit, die Schwächsten natürlich nichts, aber keiner, der irgend etwas thun kann, will die Arbeit ganz aufgeben. In ihren lichten Augenblicken beeifern sich sogar unsere Irren, zu thun, was sie können.”

“Die Idee des Invalidencorps ist wirklich gut,” sagte ich. “Selbst ein Barbar aus dem neunzehnten Jahrhunderte muß das einsehen. Sie ist eine sehr schöne Art, die Mildthätigkeit zu verhüllen, und muß für die Gefühle der die Gaben Empfangenden sehr wohlthuend sein.” — “Mildthätigkeit!” wiederholte Dr. Leete. — “Meinten Sie, daß wir die Classe der Untauglichen, von der wir sprechen, als Gegenstände der Mildthätigkeit ansehen?”[J]

“Wie hölzern ist die Versorgung der Untauglichen aufgefaßt, wie grausam, alle Krüppel zu einem besonderen Corps mit besonderen Abzeichen zusammenzuthun, und wo bleibt da das wahre Mitgefühl, wenn man die Leute nur eben abfüttert, wie abgerackerte Hausthiere? — Und was sagtest du, lieber Forest?”

“Nun hat ohne Zweifel,” fuhr Forest mit großem Nachdrucke fort, “jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Theil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abtheilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines “Regierungsgrundsatzes” verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abtheilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit nichts ist! Demnach werden alle diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet?”[K]