“Schäme dich, lieber Freund, dieser Anwandlung von Brutalität! Unter uns ist keiner, der nicht morgen in die Lage des armen Jakob gerathen kann. Ueberall kommen wir mit Maschinen in Berührung, die Eisenbahn schleppt uns mit großer Sicherheit herum, aber wir haben doch alljährlich über hundert Eisenbahnunfälle und die Statistik beweist, daß alle Jahre einer unserer Mitbürger die zwei Beine geradeso verliert, wie unser Jakob. Der Kaiser ist so wenig sicher davor, wie der Tischler, der mit den besonders bösen Holzbearbeitungsmaschinen zu thun hat, oder ein Eisenbahnbediensteter. Was wir diesen Armen thun, thun wir uns selbst, wir wissen, daß der Oesterreicher glücklich ist, wenn er auch zum Krüppel wird. Und wir wissen noch etwas, daß, so groß auch das Glück ist, das uns die Gesellschaft als solche sichert, immer noch das beste das ist, was ein liebendes Herz allein uns sein und uns allein bieten will.”
“Aber auch der Faule, von dem die Parasiten des neunzehnten Jahrhundertes mit so großer Verachtung sprachen, ist nicht mehr schuldig, als der Krüppel. Die moralische Welt ist genau so an die strengsten Gesetze gebunden, wie die materielle. Was immer an uns schlecht ist, ist uns von Geburt aus mitgegeben oder durch die Erziehung erworben. Keiner von uns thut, was seine Laune ist, sondern er thut, was er nicht lassen kann. Alle Eigenschaften der Menschen so auszunützen, daß sie der Gesellschaft doch wieder zum Vortheile gereichen, das ist die Aufgabe der Verwaltung. Wo sie das aber nicht kann, müssen wir unserer Mitbürger Gebrechen tragen lernen, wie die üble Ausdünstung eines Kranken. Wir fahren dabei auch am besten, wir bringen keine Opfer, wenn wir alle versorgen.”
“Läßt sich die moralische Krankheit heilen, wozu wir ja auch ein System von Disciplinarstrafen anwenden können und in früheren Zeiten oft angewendet haben, dann werden wir nicht anstehen, es zu thun, aber da wir moralische Krankheiten genau so wie physische ansehen und angeborene den erworbenen gleichstellen, so lassen wir niemand zu Grunde gehen und die Gesellschaft hat davon nur Vortheil. Wenn aber jemand fände, das sei ungerecht oder Räuberei, wie du das bezeichnest, so hüten wir uns, ihm Gewalt anzuthun.”
“Nun, wie verfahrt ihr dann?” frug Mr. Forest.
“Wir erlauben ihm wie jedem anderen auszuwandern, aber wir vertreiben ihn nicht gegen seinen Willen aus dem Lande. Wir geben ihm auch, wenn er es wünscht, seinen Theil am Volksvermögen ein und einhalbmal heraus, nach seiner Wahl Grund und Boden, Wohnung oder Baumaterialien, Werkzeuge und Sämereien, und dann lassen wir ihn, indem wir ihn von unseren räuberischen Vertheilungen ausschließen, machen was er will, er behält seine Producte und wir die unseren. Er bleibt auf seinem Besitze und wir betreten ihn nicht.”
Dr. Kolb lächelte ironisch und Mr. Forest schwieg.
“Und jetzt noch eine Reminiscenz aus dem 19. Jahrhunderte. Wir lesen in dem Jahrgange der “Heimat” vom Jahre 1891 die folgende kleine Mahnung aus der Feder der damals viel gefeierten Dichterin Karoline Bruch-Sinn:”