“Wie lassen wir doch unsere Mitmenschen verkümmern! Ich hatte in der Stadt zu thun und nahm den Weg durch die Währingerstraße, durch ein Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern. Da, was humpelt über den Weg? Ich war starr — und nun laß dir beschreiben, lieber Leser, wie es unseren Brüdern geht. Dort drüben vom anatomischen Institutsgebäude herüber schwang sich ein armer Schelm. Der starke knochige Mann, er mochte 30 Jahre zählen, schmutzig und verrissen, hatte keine Beine. Kaum drei Zoll lang waren die Stümpfe, die über den Rumpf hinabhingen. Und der Arme hatte es eilig, er lief wie ein Wiesel; ja er lief, glaub' es mir, lieber Leser! Die Hände hinter sich in den Straßenkoth gestemmt, schleudert der Unselige seinen Rumpf nach vorne, zieht die Arme wieder nach und schlendert den unförmlichen Sack, auf dem ein leibhaftiger Menschenkopf sitzt, weiter so fort, und jetzt geht es quer über die Straße vor den Passanten vorbei, jetzt entgeht er einer Escadron Cavallerie, dort streift ihn der Huf eines Tramwaypferdes, dann hätte ihn fast ein Karrenrad gefaßt und jetzt ist er herüber und wirft sich vor meinen Füßen auf das Trottoir, um weiter zu eilen gegen die Nußdorferstraße, wohin ich ihm entsetzt folge. Er kann nicht achten, wohin er seine Hände setzt, jetzt in eine Kothpfütze, dann auf die scharfen Schienen, hier in den Pferdemist, dort in den Auswurf eines Kranken. Und das ist ein Mensch, wie wir. Ich muß wissen, was ihm geschehen. Endlich bei einem elenden Häuserreste der Sechsschimmelgasse hält er vor einer Thüre, ein zänkisches Weib öffnet und mit den Worten: “Da kommt das Scheusal” läßt sie ihn in ihre Wohnung ein.”
“Und der Mensch hat gearbeitet sein Leben lang, ist von einer Maschine erfaßt und verstümmelt worden und war unglücklich, daß man ihn an seinen Wunden nicht sterben ließ. Eine Wohlthat wäre es ihm gewesen, hätte man ihn mitleidig verbluten lassen. Nein, die medicinische Wissenschaft hatte ihn nöthig, die Klinik requirirte ihn als “Lehrmittel”, man heilte ihn, damit man am Armen lerne, wie man den Reichen gesund machen kann, und dann warf man ihn auf die Straße und die Unfallskasse bezahlte ihm zu wenig zum leben und zuviel zum sterben. Und nun ist er sich zum Eckel, den Seinigen zur Last. Wir aber sitzen auf den Stühlen, die er gemacht hat, und recken die Glieder, ohne zu denken, wie er sich durch's Leben schleppen muß.”
“Und Freunde, was hat die Dichterin damit gutes gethan? Nichts, denn wir lesen in der folgenden Nummer der “Heimat,” daß die Erzählung der mitfühlenden Frau confiscirt worden war.”
Wir gingen einige Zeit schweigend unseres Weges, denn längst hatten wir uns aufgemacht und den Park von Tulln verlassen, um die herrliche Nacht einem Spaziergange in die Wälder zu widmen, wobei wir unvermerkt gar weit gewandert waren. Wir hatten Tulbing schon hinter uns und stiegen die Anhöhe hinan, als wir am Fuße des Tulbinger Kogels laut singen und scherzen hörten, und da eben der Mond sein mildes Licht zu verbreiten anfing, folgten wir dem Rathe des Dr. Kolb und erstiegen die Höhe dieses Berges. Es mochte etwa halb zwei Uhr morgens sein, als wir aus dem Walde in eine Lichtung heraustraten, auf der heiters Leben herrschte. Es war ein Zeltlager errichtet worden und etwa hundert junge Leute beiderlei Geschlechtes aus verschiedenen Dörfern der Nachbarschaft hatten sich hier zusammengethan, um einen Theil der Nacht bei Spiel und Tanz zu verbringen und den Morgen zu erwarten, dann aber ein wenig auszuruhen und erst gegen Mittag etwa das Lager wieder abzubrechen. Pferde weideten am Rande des Gehölzes, welche die Zelte, Decken und Kissen heraufgebracht hatten, und es fehlte auch nicht an Erfrischungen und Proviant.
Eine Weile sahen wir dem fröhlichen Treiben zu und lauschten den Wechselgesängen, die Jünglinge und Mädchen bei solchen Gelegenheiten erschallen lassen, und erfuhren von Dr. Kolb, daß solche fröhliche Gelage sehr beliebt seien und man dazu gerne die Nacht von Samstag auf den Sonntag benütze, weil an diesem die Arbeit ruht. Die Zelte rührten meist von der ehemaligen Heeresausrüstung her und dienten jetzt hauptsächlich für die Beherbergung der Arbeiter, welche bei Flußregulierungen, Kanal- oder Straßenbauten oder bei Erbauung neuer Ansiedlungen beschäftigt wären, deren jährlich in Oesterreich über zweihundert errichtet werden müssen, um für die nachwachsende Bevölkerung Wohnungen zu schaffen.
Man schlug uns vor, uns an den Spielen zu betheiligen und den Aufgang der Sonne, die dort über der Burg Kreuzenstein heraufkomme, abzuwarten, und da wir die für den nächsten Morgen beschlossene Abreise vorschützten, beredete man uns, diesen Gedanken fahren zu lassen und noch einen Tag zuzugeben, da wir durch nichts gebunden seien.
Die frische Morgenluft war so verlockend, daß wir uns überreden ließen und den Rest der Nacht mit den Anderen verjubelten. Dr. Kolb aber war etwas ermüdet und legte sich in einem Zelte schlafen.
Man schlug Pfänderspiele vor und die Burschen waren nicht eifersüchtig, wenn die Amerikaner ihre Pfänder ziemlich oft mit einem Kusse auslösen mußten. So gingen etwa zwei Stunden herum, als der Mond zu erblassen anfing, die Sterne erloschen und nun auch wir die lärmende Unterhaltung einstellten. Es bildeten sich Gruppen und mancher, der liebte, legte seinem Mädchen den Arm um den Nacken. Alles sah nach Osten, nicht mit abergläubischen Geberden, aber in feierlicher Erwartung des Naturschauspieles, das sich vorbereitete. — Auch Dr. Kolb kroch aus seinem Zelte und einzelne Schläfer wurden aufgeweckt, denn um diese Zeit wollte keiner fehlen. Die Vögel, die schon längst den Wald mit Gezwitscher und Gesängen erfüllt hatten, verstummten jetzt auch und ein frisches Lüftchen strich über unsere Köpfe hin. Der Himmel war schon hell, aber zu unseren Füßen lag das Thal im Morgengrauen und die fernen Berge hoben sich dunkel vom Himmel ab.