Klosterneuburg, berühmt wegen seines vortrefflichen Weines, ist gegenwärtig Vorort eines Bezirkes und zählt etwa 1500 Einwohner. Aus alter Zeit steht nur noch die Abtei mit der Kirche, die aber ohne Priester und Mönche sind. Wir besuchten den weitausgedehnten Klosterbau, der gegenwärtig nur zur Aufbewahrung bibliographischer Raritäten und historischer Urkunden dient und ein unermeßliches Material birgt. Alle europäischen Staaten haben nicht nur ihre Archive der historischen Forschung geöffnet, sondern auch ihre Urkundenschätze, theils im Facsimile, theils in modernen Lettern gedruckt, vervielfältigt und sich dadurch gegenseitig zugänglich gemacht. Dieser unermeßliche Urkundenschatz ist im Bezirke Klosterneuburg in den verschiedenen Gemeinden aufgetheilt und lockt unzählige Forscher nach diesem Bezirke. Die Centralsammlung aber befindet sich im ehemaligen Kloster von Klosterneuburg und füllt dort alle Räume und auch die ehemalige Kirche, in welcher riesige Schränke aufgestellt sind, die bis zur Decke reichen. Zahlreiche Beamte verwalten den Schatz und ist jedermann die Forschung dort freigegeben. Wir besuchten den Bau und wurden von einem Castellane auch in den Kreuzgang geführt, der noch erhalten ist. Nebst einigen Grabmälern fesselte uns ein prachtvolles Marmorbildniß, Maria, die, in Trauer aufgelöst, den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes auf dem Schooße liegen hat, darstellend. Unser Führer machte uns auf die Schönheit des Meisterwerkes aufmerksam, fügte aber bei, daß das Kunstwerk den Evangelien widerspreche, da Maria zur Zeit der Kreuzigung nicht in Jerusalem gewesen sei und überhaupt mit Christus, seit er das Lehramt angetreten, keine Gemeinschaft gehabt habe. Es könne kaum einem Zweifel unterliegen, daß Maria der allmächtigen Secte der Pharisäer angehört und darum Christo die Gesellschaft seiner Brüder vorgezogen habe, die nach Johannes Gegner Christi waren. Darum sagte Christus verzweifelnd, daß er nirgends weniger gelte, als in seiner Familie, darum sagte er, wenn man seiner Mutter und Brüder erwähnte, nur jene seien ihm Mutter und Brüder, die den Willen Gottes thun, und daraus erkläre sich, daß die Seinigen, zu welchen auch seine Mutter gehörte, ihn in Gewahrsam nehmen wollten und aussprengten, er sei wahnsinnig. So auch berichteten die Evangelien nichts davon, daß Christus nach der Auferstehung nach seiner Mutter verlangt habe, wohl aber, daß er seine Freundinnen und Schüler zu sehen begehrte.[L]
Wir mußten uns von dem eifrigen Bibelforscher verabschieden, denn wir hatten auf Zureden unserer Freunde die Absicht gefaßt, der Eröffnung der Gemeinde Höflein beizuwohnen, welche für vier Uhr den 2. August 2020 angesetzt war. Da die Zeit schon vorgeschritten war, entlehnten wir von der Verwaltung ein paar Zweiräder und kamen gerade noch zu rechter Zeit an, um der Eröffnungsfeierlichkeit beizuwohnen.
Da die Bevölkerung in Oesterreich sich jährlich um mehr als 200 000 Seelen vermehrt, werden alljährlich etwa 200 Gemeinden neu aufgebaut, um die Bevölkerungsüberschüsse aufzunehmen. Man zieht es vor, in dieser Weise vorzugehen, statt die Gemeinden zu vergrößern, weil durch eine solche Ausdehnung der Gemeinden die Verwaltung erschwert und mancherlei, insbesondere das Schulwesen, in Verwirrung gebracht würde. Die Besiedlung geschieht im Wege der freiwilligen Anmeldung und da es einerseits immer Unzufriedene gibt, welche durch eine Veränderung ihre Lage zu verbessern hoffen, andererseits aber bei der stets fortschreitenden Cultur die jüngeren Ansiedlungen meistenteils Annehmlichkeiten bieten, die in den älteren noch nicht eingeführt werden konnten, so ist die Zahl der Anmelder immer weit größer als die der frei werdenden Wohnstellen. Die allgemeinen Grundsätze für die Auswahl der neuen Ansiedler sind folgende: Zunächst wählt die Regierung für die Verwaltung, den ärztlichen Dienst und das Lehrfach besonders tüchtige Männer aus, weil es schwieriger ist, unter einer neu zusammengewürfelten Bevölkerung den Dienst erfolgreich zu versehen, als in einer Gemeinde, in welcher die Mehrzahl der Bewohner zusammen aufgewachsen ist, und unter einer längeren stabilen Verwaltung bereits sich Ordnung eingelebt hat. Sodann ist man bedacht, für die Produktionszweige welche in der neuen Gemeinde betrieben werden sollen, tüchtige Leiter und Vorarbeiter zu gewinnen. Auch sollen alle Lebensalter dergestalt vertreten sein, daß die verschiedensten Aufgaben der Erziehung, des Unterrichtes und der Versorgung sofort die ganze Administration beschäftigen. Das wird auch dadurch erreicht, daß man überall die Ueberzähligen zur Uebersiedlung bestimmt und auf diese Art ein gewisses Gleichgewicht auch dort herstellt, wo es gestört wurde. Darum findet man nirgends überfüllte Schulklassen und die Lehrer können ihren Schülern überall eine ziemlich gleiche Sorgfalt widmen. Endlich werden die der neuen Gemeinde näher wohnhaften Anmelder vor jenen bevorzugt, welche aus größerer Ferne her zuwandern wollen, damit doch eine möglichst homogene Bevölkerung größere Gewähr eines friedlichen Zusammenlebens biete.
Da das Gemeindegebiet von Höflein an der Donau nicht groß ist und wenig Gelegenheit zur Viehzucht bietet, hatte man eine große electrotechnische Fabrik dort errichtet. Diese Industrie machte ohnehin eine Erweiterung nothwendig. Dagegen war der Viehstand gering und rechnete man nicht nur auf keine Ueberschüße von Milch zur Butter- und Käsebereitung, sondern man erwartete, daß auch der tägliche Bedarf an roher Milch aus dem fruchtbaren Gebiete des Tullner Bodens würde theilweise zugeführt werden müssen. Große Obstculturen waren bereits auf dem Gemeindegebiete, das von Nachbargemeinden abgetrennt werden mußte, errichtet, und war also Obstbau ein wichtiger Produktionszweig. Besonders Beerenobst wurde hier reichlich gewonnen und lieferten die Johannisbeeren auch ein erfrischendes Getränk.
Die hierher bestimmten Thiere waren bereits zugetrieben und theilweise auch der Eisenbahn zugeführt worden und sollten die Wärter die Thiere heute noch dem Wartepersonale der neuen Gemeinde übergeben und dann abreisen.
Die Fabrik und die Stallungen standen hart an der Bahn auf der Flußseite. Aber die Wohnungsansiedlung war an beiden Abhängen des malerischen Margarethenthales, das gerade der Eisenbahnstation gegenüber liegt und sich durch sehr milde Luft und vortreffliches Trinkwasser auszeichnet, aufgebaut worden, so zwar, daß man von den Wohnhäusern über die ihres hohen Alters und ihrer romantischen Lage wegen erhaltene Kirche einen entzückenden Ausblick über die Donau genießen konnte. Das Bett des tiefen Baches, der sich murmelnd durch das Thal windet, war zwischen den Bauten hindurch über die selbe verbindenden Gärten geleitet worden und hatte man, um weitere Aushöhlungen zu verhindern, das Gerinne gepflastert und die Ufer durch Faschinen und Mauerwerk versichert. Reizende Brücken verbanden die Ufer und es führten von der Wohnungsansiedlung steile Wege über steinerne Stufen, die theilweise von Eisengeländern begleitet waren, in die Obstgärten, welche sich höher und höher hinanzogen.
Als wir um 4 Uhr den großen Speisesaal betraten, stellte der Bezirksbeamte von Klosterneuburg den Ortsbeamten der versammelten Gemeinde vor, worauf dieser die Leitung der Eröffnungsverhandlung übernahm. Er stellte den Gemeindegenossen nun seinerseits den Arzt, den Pädagogen und die Lehrer, dann die Produktionsleiter vor und ließ ein gedrucktes Verzeichnis der Gemeindemitglieder unter Anführung ihres Berufes, Alters, der bisherigen Ortsangehörigkeit, der Verwandtschaft und solcher Daten vertheilen, welche es jedem möglich machen sollten, sich bald bekannt zu machen und für die Wahl des Tribuns, welche noch heute Abend stattfinden sollte, vorzubereiten. Auch sollten die neuen Gemeindemitglieder nach Rang und Alter sich die Wohnzimmer auswählen und sich heute in Urversammlungen und Sectionen einzeichnen, damit sofort auch für die Berathung öffentlicher Angelegenheiten die erforderliche Constituirung erfolgen könne.
Der Beamte hielt dann eine Ansprache, in der er die neuen Gemeindegenossen ermahnte, Frieden zu halten, sich wechselseitige Förderung zu gewähren und die Bestrebungen der Verwaltung zu unterstützen. Er erinnerte daran, daß an dieser Stelle in früheren Zeiten bereits eine Gemeinde bestanden habe, die allerdings arm war und dann in Verfall gerathen sei; man habe aber doch alle darauf bezüglichen Daten, Kirchenbücher, Baupläne, Volkszählungsacten und dergleichen zu sammeln nicht unterlassen, und verweise er übrigens auf ein Bildniß, das im Bibliothekssaale hänge und einen Mann darstelle, der deshalb Interesse einflöße, weil er schon im neunzehnten Jahrhunderte, wo die sociale Bewegung kaum in Fluß gerathen war, kräftig eingegriffen und durch eine gedruckte Flugschrift: “Die weißen Sclaven der Tramway” auf die hartherzige Ausbeutung des Bedienungspersonales der Straßenbahn mit dem Finger hingewiesen und großen Erfolg gehabt habe. Er habe auch mit Hinweisung auf die Statistik, die damals freilich noch in den Windeln lag, die Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit der damaligen Zustände beleuchtet und so unserer Epoche, soviel es seine Stellung zuließ, vorgearbeitet.
Hierauf wurde dem Andenken dieses Mannes ein donnerndes Hoch ausgebracht und mit Befriedigung vernommen, daß die erwähnte Flugschrift und andere von demselben Manne, dem damaligen Pfarrer Rudolf Eichhorn, herrührende Aufsätze und Schriften gesammelt wurden, und jetzt den Grundstock des neuen Gemeindearchives bildeten.