Der Beamte verkündete dann noch, daß der heutigen Eröffnungsfeierlichkeit zwei amerikanische Gäste, die er den Gemeindegenossen vorstellte, beiwohnten und Antheil an der Mittagstafel nehmen würden, worauf ein kräftiges “Cheer” erscholl. Endlich wurde bekannt gemacht, daß die Bezirksverwaltung anläßlich der heutigen Feier und in der Absicht, aus dem Feste zugleich ein Verbrüderungsfest unter den neuen Gemeindegenossen zu machen, einige Fässer köstlichen Klosterneuburger Weines übersandt habe, der zwar nicht hundert Jahre alt sei, aber aus dem besten aller bisherigen Weinjahre, dem Jahre 1985, stamme.

Da die neuen Gemeindegenossen bereits alle Wohnräume in Augenschein genommen hatten, wurden sie aufgefordert, während des Mittagessens ihre Wünsche auf ein neben jedem Teller aufliegendes Blatt Papier zu schreiben, und werde dann noch vor Schluß der Tafel die Vertheilung der Wohnräume bekannt gegeben werden. Mit einem Hurrah auf den Kaiser, das Vaterland und den Völkerfrieden ging es dann zu Tische. Das Personal für die Bedienung der Küche und der Wohnhäuser war für heute ausnahmsweise aus den benachbarten Gemeinden herangezogen worden und sollten alle Arbeiten von heute Abend an an die theils ernannten, theils hierzu erwählten Angehörigen der neuen Gemeinde übergehen.

Denn nach dem Grundgedanken der staatlichen Organisation wurde die ökonomische Leitung des Küchenwesens einem von der Staatsverwaltung ernannten Organe übertragen, die Leitung der Speisenbereitung aber besorgten solche Personen, die von den Gemeindegenossen gewählt wurden.

Nach Schluß der Tafel besichtigten wir alle Räume, durch welche die Ankömmlinge streiften, um alles noch genauer in Augenschein zu nehmen, und bevor noch die Berathungen wegen der Wahl des Tribuns begannen, verließ ich, nachdem ich mit Mr. Forest verabredet hatte, daß wir um acht Uhr nach Tulln fahren wollten, die Ansiedlung, um den Berg hinanzusteigen, von wo aus ein weiter Ausblick über die Gegend jenseits der Donau zu gewinnen war. Immer höher stieg ich hinan, ab und zu mich zurückwendend, um das immer mehr sich ausdehnende Gebiet zu meinen Füßen zu betrachten.

Sieh! was kommt dort für ein schwarzer Krauskopf langsam herab? Giulietta, ich will's verrathen; meine Giulietta. Sie reichte mir fröhlich die Hand zog mich mit fort und sagte, sie habe mich heute schon gesehen, als die Amerikaner der Gemeinde vorgestellt wurden. Nun gings an ein wechselseitiges Ausfragen und Giulietta bekannte, daß sie weit weg von ihrer Heimath verlangt habe, um eines Mannes willen, den sie liebte, und den sie nicht besitzen solle. Er hätte sich in ihrer Heimath vermählt und obgleich sie wußte, daß sie entsagen müsse, und auch längst entsagt hätte, auch die glückliche junge Frau ihr eine liebe Freundin sei, so habe sie es doch nicht über sich vermocht, neben diesem glücklichen Paare auszuharren, und so habe sie gebeten, weit weg versetzt zu werden, um leichter zu vergessen. Das habe die Verwaltung berücksichtigen müssen und viele, die sich in gleicher Lage befänden, versuchten dasselbe Heilmittel, immerhin oft mit Erfolg. Wie wir so dahin schlenderten, schlug ihr Ernst bald wieder in fröhliche Heiterkeit um, sie sprach von tausend Dingen, von der Reise, die sie zurückgelegt, und den Eindrücken in ihrer neuen Heimat, von der Neugierde, sich in Wien umzusehen, und vielem anderen. Dann erinnerte sie sich, gehört zu haben, daß der heutige Tag für unsere Abreise bestimmt gewesen. Ich sagte, daß ich ungern aus Oesterreich scheide, und sie frug, wie in Gedanken weit hinaus ins Thal blickend, aber mit einem leisen Anfluge von Heiterkeit die sich doch nicht auf einen Gegenstand in jener Ferne beziehen konnte, ob ich nicht noch ein wenig zurückzuhalten wäre. Und da ich wirklich zu halten war, nahm ich ihre Hand und sagte, ich sei schon entschlossen, meine Abreise aufzuschieben. Darauf eine kurze Pause und dann drückte ich das liebe Händchen leise und nach einem ganz kurzen Intervalle kam der Druck zurück. — — — Und so kamen wir dann als gute Freunde, die sich wiedergefunden, ins Dorf hinab.

Mr. Forest hatte eine Botschaft hinterlassen, er wolle mich in Tulln treffen. Das hatte gute Weile. — Und er?

Hier sei es erlaubt, meine Erinnerung an Mittheilungen einzuschalten, die ich in Giuliettens Heimat erhalten hatte und die erklären, weshalb diese blühende Schönheit sich die Ehe versagen mußte. Sie hatte das siebzehnte Jahr erreicht, als ihr Mutter und Vater im rüstigen Alter starben. Die Leichenöffnung ergab, daß beide vom Krebs befallen waren, und zwar hatte er beiden dasselbe Organ zerstört. Da in früheren Zeiten die Leichenöffnung noch nicht allgemein war, war die Constitution der Vorfahren nicht in Betracht gezogen worden, als die Eltern Giuliettens sich vermählten. Es wurden aber die Krankengeschichten mehrere Generationen zurück verfolgt und noch wohl erhaltene Photographien verglichen und ging das Gutachten der Aerzte und des Lehrkörpers dahin, daß die erbliche Uebertragung auf die Nachkommen der betreffenden Familien wahrscheinlich sei. Trotz Einsprache Giuliettens und ihrer Wahlmutter wurde ihr und ihren Brüdern und Schwestern die Ehe versagt.


Die Ansiedler wurden zur Wahl berufen, von welcher Giulietta nicht fern bleiben durfte. Ich benützte die Zeit und erbat mir von einer jugendlichen Aufwärterin, die in Abwesenheit ihrer stimmberechtigten Schwestern geschäftig ihres Amtes waltete, die Zuweisung einer Badekammer. Auch wünschte ich, da der Tag glühend heiß gewesen und ich nicht aus den Kleidern gekommen war, frische Wäsche, weshalb die Kleine mir pedantisch Kragenweite und Aermellänge abmaß und mich mit allem Nöthigen versah, auch mit einer Tasche aus Wachstaffet für meine Siebensachen. So kühlte ich mich im Staubbad und kam wie neugeboren in den Garten. Da die Wahl soeben beendet war, strömten die Ansiedler aus dem Verwaltungsgebäude und eben schlug es sieben Uhr.

Ich fragte nach Giuliettens Wohngemach. Die Zimmerwärterin war wohl verständigt worden, daß ich kommen würde, denn sie ließ mich bei Giulietten ein, ohne ihre Erlaubniß einzuholen. Diese war guter Dinge. Sie hatte sich schon wohnlich eingerichtet. Blumen in Töpfen standen am Fenster, alles war nach ihrem Geschmacke zurechtgerückt, das Bett, mit dem Kopfende an der Wand, ragte in die Mitte des Zimmers, eine kunstreich gestickte seidene Decke war darüber gebreitet, die Kissen waren gleichfalls geziert und alles, was zum Schmucke dient, Vorhänge, schwere Teppiche auf dem Ruhebette, gestickte Kissen, waren Erzeugnisse vieljährigen Fleißes meiner geliebten Giulietta, welche sie aus ihrer Heimat hatte mitbringen dürfen.