Beim Eintritte in das Zimmer wurde man das Bett nicht gewahr, weil ein großer dreitheiliger Wandschirm davor stand. Die Rahmen waren aus Holz geschnitten und mit zierlichem Laubwerke umgeben. Die Füllungen waren aus reizendem Strohgeflechte von Giuliettas Hand. Vor dem Wandschirme stand ein Schaukelstuhl, mit Stickereien belegt. An den Wänden waren schöne Photographien mit Darstellungen von Landschaften aus ihrer Heimat und Bildnisse ihrer Eltern angebracht. Auch hier wiesen die Holzrahmen außerordentlich feine Schnitzereien auf. Sie nannte mir den Künstler, mit dem sie an der Adria aufgewachsen war.

Mit Stolz zeigte mir Giulietta eine herrliche, in Holz ausgeführte Arbeit desselben Künstlers, eine jugendliche Nymphe, die Hände rückwärtsgelegt, und an eine Säule gelehnt, wie sie das Gevögel zu ihren Füßen betrachtet, das die gestreuten Körner aufpickt. Im Munde hat sie ein Weizenkorn, nach dem ein Sperling lüstern blickt, der ihr auf die Schultern geflogen war und bei der nächsten Wendung des Kopfes als begünstigter Liebling darnach haschen zu dürfen hofft.

Die prachtvollen Glieder der Nymphe erschauend warf ich betroffen und zürnend einen Blick auf das Antlitz meiner Schönen und prüfte die Umrisse ihrer jugendlichen Gestalt. Giulietta beantwortete den eifersüchtigen Zweifel, den ich nicht ausgesprochen, indem sie lächelnd sagte: “Der Künstler, ein dalmatinischer Fischer, der seine Ferien alljährlich an den Bildhauerschulen verbringt, aber weder Heimat noch Beruf verlassen will, ist mein Wahlbruder nach den Sitten südlicher Länder. Er weiht mir sein Leben und seine Kunst ohne Wunsch für sich. Ich bin überall seines Schutzes und seiner Rache sicher, wenn ich sie gegen einen Beleidiger anrufe.”

Auch ein paar feingeschliffene Kristallgläser standen auf dem Tische.

Wir saßen am geöffneten Fenster einander gegenüber und plauderten. Manchmal näherte ich meinen Mund ihren Lippen, aber sie bog sich zurück oder hielt mir die Rosenfinger entgegen. Nur einmal that sie, als vergäße sie sich, und da ich die Gelegenheit erhaschte, stellte sie sich böse.

Giulietta nahm, während wir schwätzten, eine Knüpfarbeit zur Hand und da sie sah, daß mich brennender Durst quälte, ließ sie mich eine Caraffe aus der Wasserleitung neben der Thüre mit frischem Wasser füllen, und träufelte mir etwas Fruchtsaft in mein Glas, mir so gewissermaßen Gastfreundschaft in ihrem engen Heim anbietend. Als ich auf ihren Wunsch das Fläschchen mit Fruchtsaft in ihren Schrank stellte, strömte mir der Duft von Rosenblättern entgegen, die sie zwischen ihre Hemdchen und Schürzen gestreut hatte.

Ich suchte meine Giulietta auf ein gefährliches Gebiet zu lenken, erwähnte die Gallerien in Wien und sprach von den Meistern, deren Werke man dort bewundern kann. Von den Bildern Bordones und seinen üppigen Frauen, kam ich auf Rubens' Bilder, dann zu Tizians Diana und Kallisto, um endlich zu Corregios Io zu gelangen, und versuchte ich auf diese Art dem Gespräche eine Wendung zu geben, die Giulietta außer Fassung bringen sollte. Aber die Schöne ging den Weg dieser Vorstellungen ohne merkliche Erregung mit, indem sie mich beständig im Zaume hielt und mich fühlen ließ, daß ich meine Worte auf die Wagschale legen müsse.

Sie war mit den Bildern nicht unvertraut. Zwar war ihr von ihrem Besuche in Wien nichts im Gedächtnisse geblieben. Sie war damals ein unreifes Kind und man hatte zu jener Zeit den Grundsatz, der später für irrthümlich gehalten wurde, Kinder in Bildersammlungen nicht zu führen, in welchen, wie man glaubte, die Phantasie vergiftet werden könnte. Aber jede Gemeinde hatte zahlreiche Stiche in der Bibliothek und die Sammlungen der Bezirksvororte waren sogar sehr reich. Von jenen Bildern, insbesondere von Correggios Meisterwerken, gab es mehrere Reproductionen und Giulietta hatte sie genau studirt und verglichen. Tizians Diana und Kallisto verwarf sie, die Bilder Rubens' waren nicht nach ihrem Geschmacke, obgleich sie das Genie des Malers bewunderte.

Ich bemerkte, daß Correggios Io das anstößigste Bild sei, das ich kenne. Giulietta sagte, sie theile diese Meinung gar nicht. Das Anstößige entziehe sich dem Beschauer und es wäre eine armselige Phantasie, die es sich hinzudächte. “Dagegen welch zarte Poesie in diesem Doppelbilde. Die nach Regen lechzende Erde als liebendes und empfangendes Weib darzustellen und die Umarmungen des Mannes zu idealisiren durch das Naturbild des allbelebenden Elementarvorganges.” —