Hier flog eine Wolke über die Stirne meiner Freundin, die aus dem Kreislaufe der sich immer verjüngenden Natur ausgeschlossen war. Aber meine Berechnung hatte fehlgeschlagen, denn ich hatte mein Gegenüber nicht mit einer neuen Vorstellung überfallen, sondern auf einen Gegenstand gebracht, mit dem sie vertraut war.
Ich schämte mich meiner Niederlage, aber ich schätzte Giulietta umso höher wegen der Feinheit ihrer Empfindung. Es war etwas eigenes um diese mit ein wenig Seelenschmerz versetzte sprühende Lebenslust.
Sie verlangte, ich solle ihr von meinen Bekannten hier erzählen, mit welchen sie bald auch im geselligen Kreise zusammenkommen würde. Da ich von meinem Mißgeschicke mit Selma — nicht ohne einigen Rückhalt — berichtete, machte sie ein ernstes Gesicht und meinte, ich sei zu gelinde bestraft worden. Die Erwähnung des Liebesglückes der Neuvermählten machte sie verdrießlich, ein Schatten legte sich auf ihre Stirne, und um sie zu zerstreuen, sprang ich schnell ab und schilderte die Streiche des kleinen Gauklers, der so putzige Kunststücke aufgeführt hatte. Jetzt lachte sie. Sie sagte aber dann: “Wir lieben es nicht, wenn einer von uns die Menschengestalt dem Gelächter preisgibt. Wir sind Halbgötter und nicht Hanswurste.”
Ich nannte Dr. Kolb unter meinen Freunden und da wollte sie mehr wissen. Sein Ruf war in ihre Heimath gedrungen, wo die Kunst höher in Ehren stand als irgendwo und besonders die Bildhauerkunst war gefeiert. Da wußte ich nun, wo ich zu verharren hatte. Ich schilderte auch das verhüllte Bildwerk nach den Mittheilungen meines Freundes; ich verfolgte den begehrenswerten Feind mir gegenüber und brachte ihn in immer größeres Gedränge; schon schossen Feuerblitze aus ihren Augen, ihr Busen wogte stärker, die Lippen bebten, Unruhe bemächtigte sich der Schönen; ich drang immer mehr auf sie ein.
Da unterbrach sie mich, als wollte sie, daß ich innehalten sollte, und sagte: “Freund, eine Bitte! Ich sah im Garten eine halb geöffnete köstliche Rose. Du wirst sie leicht finden. Der Strauch blüht neben der Statue der Göttin der Fruchtbarkeit. Ein Insect hat sich in den innersten Blättern verstrickt, aus welchen es vergeblich den Ausweg sucht, denn ich habe ein Stück eines Spinnegewebes darüber gebreitet. Bringe mir die Rose und den Gefangenen.”
Als ich mich jetzt erhob und über sie beugte, bog sie sich zwar zu mir aufschauend zurück, aber sie breitete, um ihre Wehrlosigkeit zu bekennen, die Arme weit auseinander und drückte ihre Hände an die Mauer, an der sie saß, und da sich unsere Lippen festsogen, ergoß sich sengendes Feuer aus den Sternen der Italienerin in meine Augen. Wie verheißungsvoll ist doch eine Bitte aus schönem Frauenmund!
Ich stürmte in den Garten hinab, konnte aber das Gesuchte eine geraume Zeit nicht finden. Da ich die Statue erblickte, standen Frauen im Gespräche dort und ich wollte den Raub lieber verschieben. Endlich schnitt ich verstohlen die kostbare Rose, die das Insect noch in ihrem Kelche gefangen hielt, ab und jagte zu Giulietten zurück.
Jetzt aber war mattes Licht im Gemache, das von Wohlgeruch erfüllt war, und Giulietta stand im herabfließenden Hausgewande einer stolzen Römerin, an den Seiten bis zur Hüfte geöffnet, vor meinen entzückten Augen, die noch den Anblick der rosigen Zehen eines göttlichen Frauenfußes erhaschten, der unter dem Saume hervorguckte; und schon lagen wir Brust an Brust. Ihre weichen Arme umstrickten meinen Hals, sie küßte mich stürmisch und dann barg sie ihren Kopf an meinem Busen.
Da erspäht mein Blick zwei Knöpfe auf ihren Schultern. Ich löse sie, das Gewand gleitet mir aus den Fingern. Ich hebe dies köstliche Geschenk der Natur auf meine Arme, trage die Herrliche auf ihr Lager, lege die Rose auf den schimmernden Busen, den ich mit Küssen bedecke, und so überläßt sich dieser Prachtleib mit geschlossenen Augen, das selige Lächeln des Beglückens auf den Lippen, im Wonneschauer erbebend, meinen Umarmungen.