Es war halb neun Uhr, als ich in den Speisegarten kam. Es dämmerte schon und ich suchte einen einsamen Tisch, an dem ich mich niederließ. Lauter Lärm wogte um mich herum, weil die neuen Ansiedler suchten, mit einander bekannt zu werden. Die Mütter nannten mit Stolz die Namen ihrer Kinder; diese jagten sich zwischen den Tischen herum und ab und zu hörte man einen warnenden Ruf, dem sogleich aufhorchend entsprochen wurde. Die Aufwärterin, ein junges Mädchen, trat an meinen Tisch, um meine Wünsche zu erfragen. — Bald brachte sie das Abendbrod und ein Glas feurigen Weines. “Du bist unser Gast aus Amerika?” — “Ja wohl.” — “Wie gefallen dir Land und Leute?” — “Vortrefflich, besonders die Leute.” — “Eure tausendjährigen Bäume fehlen uns allerdings.” — Und sie wandte sich zum gehen.

Ich sah mit Wohlgefallen auf die Kinder, die sich in meiner Nähe tummelten. Die Tracht der Kinder war einfach. Bis zum Alter der Selbständigkeit unterschied man die jungen Leute nicht in der Kleidung, etwa nach dem Range der Eltern, und bis zum Eintritte in die Schule trugen Knaben und Mädchen eine ganz einfache Sommertracht, die doch reizend stand. Meistens trugen sie an den Füßen etwas, was halb Schuh, halb Sandale war. Kurze Höschen und ein von einem Gürtel zusammengehaltenes Röckchen von weißem, dünnen Stoff ohne Aermel, dann ein großer Basthut waren die ganze Kleidung, Beine und Arme nackt, der Hals frei; Reinlichkeit, Schönheit und Frohsinn gewannen ihnen alle Herzen. —

Ich sehnte mich nach Giulietta, die herabzukommen versprochen hatte. Wo blieb sie? —

Wir hatten oft dem Treiben der Jugend zugesehen. Die jungen Leute waren, bis die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, in Schaaren, beiläufig nach dem Alter gesondert, unter Aufsicht von Frauen oder Mädchen, die älteren Knaben auch oft unter den Befehlen der Lehrer. Es wurde alles mögliche gespielt, nur nicht Krieg. Man spielte Besuch, Schule, Hochzeit, Gericht und Strafe, Häuserbauen, Pfänder, Charaden. Die älteren Knaben versuchten sich im Vortrage über aufgeworfene Fragen, dann wurde gerungen oder um die Wette gelaufen, und dann wählten sich die Knaben vorerst eine Preisrichterin, welche der Sieger küssen durfte.

Bald zerstreuten sich die Kinder auf Befehl der Erzieherin, um in den Wäldern Schwämme und Erdbeeren zu suchen, bald sammelten sie sich wieder auf ein Häuflein, um einer Erklärung oder einer Geschichte zu lauschen, deren jede Erzieherin viele Hunderte für jedes Alter wußte. Dann durfte wieder ein halberwachsenes Mädchen den Bübchen etwas vorlesen, und dann ging es wieder weiter. Regen und Sonnenbrand kümmerte sie gar wenig und wenn sie nach einigen Stunden heimkamen, hatten sie oft das ganze Gemeindegebiet durchstreift.

Große Aufmerksamkeit wendete man daran, den Ortssinn zu entwickeln. Ehe die Kinder in die Schule kamen, hatten sie schon jeden Weg und Steg im ganzen Bezirke inne, wußten überall die kürzesten Verbindungen zu finden, lernten sich in fremden Gegenden orientiren und hatten einen Begriff von der Größe ihres Vaterlandes, das man sie lehrte, als ihren Besitz zu betrachten. Auch mit den heimischen Thieren und Pflanzen und dem Nutzen, den sie gewähren, waren sie vom zartesten Alter auf vertraut, wie man auch nicht versäumte, sie am nächtlichen Himmel mit den Sternbildern bekannt zu machen und ihre Liebe zur Natur und insbesondere zur Heimat zu wecken. —

Himmlische Giulietta, zögere nicht länger! — —

Das Erziehungspersonal hatte nur ein beschränktes Strafrecht. Dieses stand der Mutter oder Wahlmutter zu und einem störrigen Kinde wurde angedroht, daß man vor der Mutter Klage führen würde. Dieser wurde dann nach Tisch berichtet und sie verhängte oft die strengste Strafe, nachdem die Erzieherin und etwa andere Kinder Zeugnis abgelegt hatten. War sie zu nachsichtig, so vermied man, ihr Verhalten vor den Kindern zu rügen, aber die Sache kam dann vor den Pädagogen, der seinen Einfluß geltend machte. Nur im Nothfalle wurde von dem Rechte Gebrauch gemacht, der Mutter das Erziehungsrecht abzunehmen. —

Giulietta kam noch immer nicht. — Ich träumte von ihrer Herrlichkeit. Seit ich Anselma geschaut, war ich erst kundig geworden, welchen Inbegriff von Schönheit ein Frauenleib in sich schließt. Giulietta war der Typus der österreichischen Frauen. Augen und Haare waren vom schönsten Glanze, die etwas gebräunte, fleckenlose Haut hatte einen Perlenschimmer und stellenweise leuchtete das blaue Geäder hervor, an der Außenseite der feinen Hände aber trat es deutlich und kräftig zu Tage. Die gleichförmigen enggeschlossenen weißen Zähne bedeckte zum guten Theile das korallenrothe Zahnfleisch, die breiten Schultern verbanden sich mit zart geschwungenen Bögen, weder zu flach, noch zu steil, dem schlanken Halse, und all diese Pracht war in beständiger anmuthiger Bewegung, wie auch das Mienenspiel unaufhörlich Rede und Gegenrede begleitete. Das Leibchen trug sie wie ein kreuzweise geschlungenes Busentuch, nicht viel mehr als ein Flor; es verrieth die jugendlichen Formen in den Umrissen, stellenweise auch in der Farbe, und es konnte wohl Giulietta noch viele Jahre des Mieders entrathen, das die Oesterreicherin erst trägt, wenn sie zu verblühen beginnt.

Es ist unter ihnen Tradition, daß Mäßigkeit in Allem, besonders in der Liebe — aber auch in der Enthaltsamkeit — die Schönheit bewahrt und daß auch heftige Gemüthsbewegung, Kränkung, Eifersucht, Zorn den Zauber vom Frauenleib nimmt. Auch dieser Glaube ist heilbringend. Und davon geleitet, überließ sich Giulietta nicht allzusehr dem Kummer, der sie doch immer an verlorenes größeres Glück gemahnte. —