Giulietta war noch nicht herabgekommen. Sehnsucht nach ihrem Anblicke quälte mich. —

Sie war zur Vorsteherin einer Strohflechtschule bestimmt worden, da sie in dieser Arbeit eine außerordentliche Geschicklichkeit erworben hatte. Diese Industrie beschäftigte tausende von Mädchen und Frauen im Lande und es sollte eine Schule in Höflein unterhalten werden. Wenn mein Liebling pädagogische und ökonomische Fähigkeiten zeigte, so konnte sie es zum Range eines Pädagogen bringen, womit große Vortheile, insbesondere ein sechswöchentlicher Urlaub, Arbeitsbefreiung vom zurückgelegten fünfzigsten Lebensjahre und etwas größerer Aufwand für Kleidung und Wohnung verbunden waren. Ihrer Schönheit, Anmuth und Bildung wegen hatte die Verwaltung den Auftrag erhalten, ihr allwöchentlich den Zutritt zu den geselligen Abenden der Residenz oder der höheren Beamten anzuweisen, worauf andere nur einigemale des Jahres und während der kurzen Ferien Anspruch hatten. Es war überhaupt Grundsatz der Staatsverwaltung, solche Mädchen, die in ihren Hoffnungen getäuscht worden waren und den Bedürfnissen der Gesellschaft ein so schweres Opfer bringen mußten, durch jede mit der Gerechtigkeit vereinbare Bevorzugung zu entschädigen. Dabei wirkte nicht nur die Frauencurie mit, die sich außer Stande erklärte, ihre Zusagen zu erfüllen, daß die weibliche Hälfte der Gesellschaft sich den allgemeinen Bedürfnissen unterordnen wolle, wenn nicht die größte Rücksicht für die Opfer dieser Interessen geübt würde, sondern es war in allen Theilen der Bevölkerung das Gefühl vorherrschend, daß solche Mädchen besondere Rücksichten verdienen, und mußte es das Bestreben aller werden, Giulietten mit ihrem Schicksale auszusöhnen. —

Wo bleibst Du, Berückende? Willst Du mich verschmachten lassen? Welches Bild gaukelt vor meinen Sinnen? — —

Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte sie ihr Tagewerk in Triest beendet und mit dem nächsten Morgen um sechs Uhr sollte sie ihr neues Amt antreten. Es war wohl vorauszusetzen, daß Giulietta bald ein gern gesehener Gast im Schlosse zu Königstetten sein und im freundschaftlichen Verkehre mit Dr. Kolb stehen würde, wodurch sie in Kurzem mit vielen bedeutenden Personen des Bezirkes bekannt werden konnte. Die Sonntage brachte das kunstsinnige Mädchen wohl in den zahlreichen Museen der Residenz zu und auch an italienischer Musik konnte sie sich satt hören, die in Wien eifrig gepflegt wurde. Es soll uns nicht bange sein um Giuliettens Zukunft. — Noch eine Aufgabe hatte sie übernommen. —

Ein Kleid rauscht in meiner Nähe, ich erwache aus meinem Traume. — Sie ist es nicht.

Wie in allen deutschen Gemeinden gab es auch in Höflein viele Gemeindegenossen, die einige Jugendjahre in einer italienischen Gemeinde zugebracht hatten, um sich die italienische Sprache eigen zu machen, wie andere der ungarischen oder einer slavischen Sprache mächtig waren. Denn es war in Oesterreich beinahe zum Gesetze geworden, daß die Angehörigen aller Nationen sich die deutsche Sprache und die Deutschen wieder eine zweite Reichssprache aneigneten, um die lebendige Verbindung aller Nationen unter einander herzustellen. Und dadurch war Oesterreich in gewisser Hinsicht der geistige Mittelpunkt der Welt geworden, wo alle Völker der Erde ihre geistigen Schätze austauschten und verbanden.

Ja, man hatte auch allen orientalischen Völkern eine Heimstätte errichtet und es wurde allen Culturnationen des Erdkreises ermöglicht, eine Hochschule in Oesterreich zu unterhalten. Die Chinesen, Japanesen und Perser, Araber und Türken hatten ebenso, wie Spanier, Franzosen und Engländer, Dänen und Schweden, Russen und Finnländer, in Wien Hochschulen, die mit den österreichischen Anstalten wetteiferten, und an welchen Oesterreicher gemeinschaftlich mit den Gästen fremder Länder Unterricht ertheilten und genossen.

Die Deutschen aber, welche eine zweite Reichssprache sich eigen gemacht hatten, suchten in ununterbrochener Uebung zu bleiben und unterhielten nach Sprachen gegliederte Vereine, von welchen die Literatur dieser Sprachen verfolgt wurde. Giulietta nun, die ihre Muttersprache in herrlicher Vollkommenheit sprach und schrieb und die italienische Poesie leidenschaftlich liebte und auch selbst improvisirte, sollte dem italienischen Club präsidiren. So hatte sie mir in ihrem Stübchen mitgetheilt. —

Ich fuhr auf aus meinen Träumen. — Es wogte noch fröhliches Leben um mich herum. Alle mieden, wie auf Verabredung, meinen Tisch und wenn die Kinder in meine Nähe kamen, wurden sie weggerufen. Man hatte offenbar bemerkt, daß ich allein sein wolle, und da, wie es schon finster zu werden beginnt, tritt dort Giulietta aus ihrem Wohnhause. Ein züchtiges, hellfärbiges Kleid umschloß die Gestalt der schönen Sünderin, ein goldschimmernder Gürtel hielt sie umfangen und im Haare trug sie die noch frische Rose mit dem Gefangenen. Gemächlichen Schrittes näherte sie sich mir und ließ sich mit freundlichem Nicken an meiner Seite nieder.