Die Aufwärterin trat an unseren Tisch und fragte nach Giuliettens Begehren: “Bist du nicht Schwester Giulietta aus Triest?”
“Das bin ich, ich heiße Giulietta Chiari. Wie nennst du dich, Kleine?”
“Ich heiße Josepha Ohnewas und bin von Klosterneuburg herübergekommen. Der Verwaltungsbeamte hat mir aufgetragen, dich für morgen abends in seine Empfangsgemächer zu laden. Er will einige hervorragende Glieder der neuen Gemeinde zusammenführen, damit sie engere Bekanntschaft knüpfen.” — “Sage ihm meinen Dank, ich werde gerne kommen. Und nun reiche mir deine Hand, freundliche Botin, und werde mir eine treue Freundin.” — “Das will ich dir sein,” sagte sie mit einem Händedrucke. —
“Was ist das für ein furchtsames Bübchen?” fragte Giulietta, indem sie freundlich den Knaben am Kinn faßte, der, ängstlich ihr in die Augen schauend, sich an Josephas Rockfalten hielt. — “Es ist meiner Schwester Kind. Sie ist vor wenigen Tagen gestorben, ihr Mann schon früher, und nun ist der Kleine verwaist.” — “Willst du ihn unter deinen Schutz nehmen?” — “Es soll ihm eine Wahlmutter bestellt werden. Ich wurde befragt, ob ich ihn an Sohnesstatt nehmen wolle, aber ich sähe es lieber, wenn diese Sorge nicht auf mich fiele, denn ich werde in einigen Jahren meine eigene Familie gründen und ich halte es nicht für gut, wenn die Mutter eigener Kinder auch Verpflichtungen für ein fremdes Kind zu erfüllen hat.” — “Wolltest du mich zur Mutter haben?” fragte Giulietta den Knaben; dieser aber sagte: “Du bist nicht meine Mutter!” — Giulietta und Josepha sahen sich an, als ob sie sich dieselbe Frage stellen wollten. Diese sagte dann: “Ich habe Vertrauen zu dir. Möchtest du Mutterpflichten auf dich nehmen?” — “Es wäre eine Wohlthat für mich,” sagte Giulietta seufzend. “Doch laß mich den Knaben einige Tage beobachten und besprechen wir uns darüber. Wir müssen uns erst kennen lernen.” — “Ich will es mir bedenken und wir können dann dem Verwaltungsbeamten einen Vorschlag machen. Einstweilen ist Peterchen in meiner Obhut.” — Damit schied Josepha.
Giulietta saß sinnend neben mir. Zuweilen sahen wir uns an, wir sprachen aber nicht.
Nach einer Weile bediente Josepha auch Giulietta und da diese sah, daß mein Glas noch unberührt war, trank sie mir freundlich lächelnd zu. Sie nippte, ich aber leerte mein Glas auf einen Zug bis auf die Neige. Sie sah ernst auf mein leeres Glas und verband damit wohl einen sinnigen Gedanken. Wir verharrten im Schweigen, aber sie ließ es geschehen, daß ich verstohlen ihr dankerfüllt das Händchen drückte. Es war jetzt badefrisch und frostig; ich hätte es gerne warmgehaucht, wenn es hätte ungestraft geschehen können.
Der Tag war gewichen, Stern um Stern flackerte auf, dort im Westen einer im wechselnden Lichte, als ahmte er das Funkeln der Augen meiner Giulietta nach. Es wurde stiller um uns, die Tische wurden abgeräumt. Alles war zur Ruhe gegangen; Giulietta sprach auch jetzt nicht, aber sie schien zu glauben, daß sie den Gast nicht verlassen dürfe. Sie nahm jetzt zögernd, als wäre sie nach einem Kampfe mit sich selbst zu einem Entschlusse gelangt, die Rose aus dem Haare, befreite den Gefangenen und lächelte mir, Vergebung kündend, zu. — Nun sagte ich mit einem Händedrucke — ein Kuß war mir hier durch strenge Sitte verwehrt —: “Gehe auch zur Ruhe, Liebste.” Sie erhob sich, freundlichen Gruß im Auge, und ging. Unter der Thüre wandte sie sich noch einmal langsam um, winkte grüßend und verschwand. Bald darauf erhellte sich das Fenster ihres Gemaches, sie wurde noch einmal sichtbar, dann, nach kurzem Verweilen, fielen die Blenden. — Zu dieser Stunde in ihr Gemach zu dringen, war mir durch unerbittliche Satzungen verboten.
Jetzt erhob ich mich, ging nach den Ställen, zeigte meine Aufenthaltskarte vor und bat die Stallwache um ein feuriges Pferd. So jagte ich, mein Bündelchen am Sattelknopfe befestigt, im Sturme nach meinem Quartier, den flackernden Stern vor mir. Ein junger Mann, der die Nachtwache hatte, grüßte mich, als ich von den Ställen nach der Ansiedlung kam. Ich dankte schweigend und ging nach dem Bibliothekssaale, der, wie alle anderen Räume, offen stand, drehte eine Glühlampe auf und schrieb einige Zeilen an Giulietta. Ich kündete ihr, daß unsere Wege auseinander gingen, ich ihrer aber niemals vergessen würde. Ich bekannte mich unwürdig der königlichen Gunst, mit der sie mich beglückt.
Den Brief warf ich in den Briefkasten für die östliche Fahrt und nun suchte ich mein Lager auf.