XVII.
Nun war es aber Ernst — wir reisten ab. Mr. Forest und ich hatten uns von dem Beamten verabschiedet und harrten am Bahnhofe des Zuges, der von Wien her kommen sollte, und nun kamen sie alle, unsere neuen Freunde, uns die Hand zu reichen. Die vielen lieben Mädchen und Frauen, die uns bei Tische und sonst bedient hatten, nicht wie Diener, sondern wie Freundinnen und Schwestern, auch Anna, die wir näher kennen gelernt hatten, mit ihrem Jakob, den sie im Rollstuhle vor sich herschob, und der jüngere Zwirner und gar viele liebe Gesichter. Von der schönen Anna forderte ich resolut einen Abschiedskuß und sie sah zuerst Jakob ins Gesicht und dann bot sie mir ihren Mund, aber sie sagte, ein Abschiedskuß sei es nicht. Aufklärungen gab sie nicht. Und wie wir so inmitten vieler Freunde standen, kam Dr. Kolb eilends heran, sich zu verabschieden und uns auch etwas zu überbringen. Es war Zwirners Brief und ein Angebinde.
Zwirner schrieb, er bedauere, uns nicht mehr sehen zu können; er hoffe aber auf Briefe aus Amerika und auf ein Wiedersehen. Dr. Kolb habe ihm oft von uns geschrieben und er sei darüber beruhigt, daß wir in Oesterreich gut aufgehoben gewesen. Auch hätte uns Dr. Kolb ebenso, wie er, über alles Auskunft geben können und habe sie auch gegeben. Er selbst lebe in süßer Gefangenschaft und wolle auch unsertwegen nicht ausbrechen. Wir möchten das Angebinde annehmen, das uns Dr. Kolb überreichen werde, und fänden wir die glücklichen jungen Eheleute erstens im Plauderstübchen und zweitens im Speisezimmer. Auf Nummer drei und vier dürften wir Anspruch nicht erheben. Neben seiner Unterschrift standen die Worte: “Auch ich bin euch gut und wünsche euch das Beste. Aber meinen Gefangenen gebe ich nicht heraus. Seid mir gegrüßt. Lori Zwirner.” — Das Angebinde waren zwei gleiche Cartons mit Photographieen. Das Carton war in schönem gepreßtem Leder ausgeführt und zeigte vorne vier Medaillons und in der Mitte ein Schild in Bronce. Die Medaillons enthielten kunstreich geschnittene Brustbilder unserer Freunde: Zwirner, Dr. Kolb, Lori und Mary und das Mittelschild die Landschaft, auf die wir so oft von unserem Fenster aus geblickt hatten. Dr. Kolb erklärte uns, daß die Liebhaberei, Medaillen zu schneiden, weit verbreitet sei, und schöne Köpfe, wie die hier dargestellten, zögen oft die Aufmerksamkeit der Künstler in diesem Fache auf sich. Dann erhält das Modell natürlich ein kunstvoll gearbeitetes Exemplar. Von diesen Bildnissen hatte man galvanoplastische Copien gemacht und auf den Cartons angebracht. Ebenso beiläufig verhalte es sich mit der Landschaft und die Cartons selbst seien auf Wunsch des Zwirner angefertigt worden und die Verwaltung habe gestattet, das Ganze den Fremden als Angebinde zu widmen. Die Photographien waren theils von Zwirner eingesandt, theils nach seinem Wunsche besorgt worden. Zwei allerliebste Bilder aus dem “Gefängnisse” in Königstetten, einige Bilder aus dem schon erwähnten Schneideralbum, die Bildnisse des Ehepaares Lueger, des Dr. Kolb, dann der schönen Anna und des Jakob und — vorher mußten wir aber Treue geloben — der “Braut”.
Eben kam der Zug heran. Noch ein rasches Händeschütteln, ein Winken, und wir waren im Wagen, der uns entführen sollte.
Lange fuhren wir schweigend dahin und als wir Tulln aus dem Gesichte hatten, begehrten wir nach Büchern und lehnten uns zurück, um uns in Lectüre zu vertiefen.
Fort ging's nach St. Pölten, wo wir umzusteigen hatten, und weiter über Linz und Salzburg, wo wir diesmal nicht wieder anzuhalten gedachten.
Die Reise ging Tag und Nacht weiter und kamen wir am 4. August morgens nach Meran und von da mittels Wagens und zum Theile zu Fuße gegen 4 Uhr auf die Ortlerspitze. Am Fuße des Gletschers fanden wir im Unterkunfthause viele Fremde und darunter über fünfzig Engländer und Amerikaner. Vom Ortler sprechen wir nicht, er steht am selben Flecke, wie im neunzehnten Jahrhunderte, und herrscht über alle Berge wie ehemals.
Wir blieben vom 4. August abends bis zum 6. August morgens und setzten dann unsere Reise über Finstermünz und Landeck nach Bregenz fort.