XVIII.
Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.
Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen. Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.
Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem Hofstaate, schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um, nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken, das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.
Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragen worden. Händeringend stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.
Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen, das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes in Oesterreich vollbracht habe.
Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat, der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte. In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]