Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten. Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht gestatteten.
Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt. Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste ausgestattet und eingerichtet waren, und befanden sich dort zahllose Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.
Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und dem des großen Speisesaales geleitet.
Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das köstlichste.
Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt, theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der obere Theil des Bibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche, sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch angebrachten Bäder.
Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten, und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten, um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen. Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag, dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen gewann. Der Name des Sängers war Rieger.
Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern zuvorzuthun, aber auch mit der zweiten Stelle zufrieden sein konnten, und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.
Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören. Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie auch klangen, doch weithin hörbar waren.
Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: “Jakob, mein Jakob!” und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen wandte, sah man auch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt, zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt hätte, — und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit, die ein sympathischer Bariton pries, und am Ende die Wiener, welche abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.
Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so viele hier verbreitet hatte.