So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach Bregenz in unsere Quartiere zurück.
Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen könne.
Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand, indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd und befangen.
Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß, ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte ein. Folgendes war meine Erzählung.
Eine Storchengeschichte.
Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die ‘Kieler Zeitung,’ ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.
Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome aufzusuchen, sah Peter — so hatte man den Verunglückten getauft — ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem, überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und — mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind — fand sie Gefallen an dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.