Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden, entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling. Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren geglaubte Gattin.
Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen. Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.
“Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt ist?”
Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: “Sollte es wahr sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen zu opfern? So wärst Du meine Störchin,” sagte er heiterer auf seine Anna blickend. — “Es ist wohl so,” sagte diese lächelnd, “ich habe nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.”
Nach einigem Besinnen sagte Jakob: “Wenn du meine Störchin bist, mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.” Anna wurde ernst und antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: “Lasse deinen Trotz fahren, liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.”
Anna jubelte auf: “Aber Beine müssen die Jungen haben,” und damit fiel sie dem Kranken um den Hals. “Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite wie du?” —
Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und rief: “Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von Frauenhand sein.”
Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von Giulietta. Hier folgt es: