“Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger, als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren und verändern, ihr seid unersättlich.

Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.

Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt, aber wie könnten wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!

Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens geschaffen zu haben, bleibt mir doch.

Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.

Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und getanzt und ich bin gebeten worden, zu improvisieren. Die Italiener lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der Augenblick gebiert.

Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.

Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde — wozu wir auch die Lehrer rechnen — sind, dem Fortschritte und dem Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig. Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann, und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.

Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören, daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehr gefallen. Er vertraute mir an, daß er den Auftrag habe, — er sagte mir nicht, von wem, — eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten. Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren Gedanken zu.

Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir; man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas wahrhaft Schönes zustande zu bringen.