Wir — Dr. Kolb und ich — werden uns oft treffen, denn ich soll mehr als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und wohl auch in der Residenz genießen.

So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich leben wird.

Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.” —

Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als ich in meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden. Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.

So endete unsere Reise.


Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie anstellen wollte.

Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich hier folgen.


In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin, mich mit den Frauen und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: “Miß Lydia West aus Boston.” — Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war, gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.