Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht, als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand entgegenstreckte, sagte sie: “Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen, deine Wißbegierde zu befriedigen.” Ich dankte lächelnd und wandte mich anderen Frauen zu.
Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: “Erlaube jetzt, daß ich dich entführe nach jenem Hain.” — Sie rief einen Knaben, der in der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf. Lydia verabschiedete sich von mir und rief mir zu, daß wir beim Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht heimkehren wollten.
Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: “Sage mir, Schwester Ellen, ist dir mein Name bekannt?” Ich antwortete mit einem ehrlichen nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, ob Peterchen seiner “Mama” folge. “So ist dein Bruder doch verschwiegen.” — “Hast du ihn näher gekannt?” — “Gewiß, und was er pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.”
Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen, welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. “Innerhalb dieser Grenzen aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen Gesetze betreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes. So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern, den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.”
“Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen, eine Beziehung zu dem Frauenleben?”
“Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.”
Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.
Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: “Bist du denn verheirathet?”
“Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.”
Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er mir keinen Namen genannt.