“Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat er sich auch der Gunst berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?”
“Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.”
“Nun,” sagte Giulietta, “mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen, denn es ist nur mein Geheimniß. Höre.”
“An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer, welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte, bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in Betrachtung, ließ mich vom Wasser tragen und legte meine Wange auf die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war, um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse, wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach. Obwohl er nun nur ein Bein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen, daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht, seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde — und doch, da ich sagte: “Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit wählen,” riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn nicht mehr bringen.”
“Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian ruderte mich ans Land.”
“Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.”
“An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste Mal in den Armen eines Mannes!”
“Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen genossen.”
“Eine Woche später trafen wir hier zusammen. — Ich hatte mich von meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen, ihm wieder anzugehören.”