Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, den Schlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr sie fort.

“In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal zurechtweisen.”

“Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus dem Garten holen solle.”

“Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege. Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen, bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine Arme und bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen, ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.”

“Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich, gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.”

“Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine Schwäche.”

“Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?”

“Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ich habe deinen Bruder großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte. Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.”

“Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?”

“Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und war zweimal um das Glück betrogen worden.”