“Und hast du dich wirklich wiedergefunden?”
“Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell. Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.” — Giulietta wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht, einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. “Dr. Kolb nennt das einen antiseptischen Verband,” sagte Giulietta lachend.
Es war mittlerweile dunkel geworden und als Giulietta Licht gemacht hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich, da mir Julian davon erzählt. “Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche Pracht umgiebt?”
“Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.”
“War Julian nie hier?”
“Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue, die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesen reizenden Bronceguß übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.”
Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.
“Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter, Matteo Folco, gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren, die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte, hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit, Arbeit oder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne. Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur, die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können. Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke gegenüber nicht zu verantworten, wenn man das Meisterwerk außer Landes gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig darauf, daß kein Matteo Folco in ihren Sammlungen fehle.”
“Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?”
“Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden. In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist, und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.”