“Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker geworden und hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. — Die Hochzeitsferien brachten die ‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu Lasten der Civilliste übernommen. — Aber Jacob wollte auch mit seiner Anna die ‘Jungfrau’ besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken, um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.”

“Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April ihr eigener Sprößling wird aufgenommen werden. Ihren Mann haben sie zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.”

“Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.”

“Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht. Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung, daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu, aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren, hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog Adolf entstieg mit vielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz, allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten sich königlich unterhalten.”

“Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als spräche ich mit Julian.”

“Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.”

“Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.”

“Wie soll ich das verstehen?”

“Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit. In den ersten Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen. Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien, er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte, daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle. Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde, es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie fühlte aber später doch, die “Lebensart” fordere etwas mehr, und es widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger, zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso weniger konnte sie es über sich bringen, die Maske fallen zu lassen und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da, im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß, sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles sind.”

“Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.”