“Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.”

“Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys gekommen?” forschte ich weiter.

“Ich bin exemt” sagte Giulietta. “Ich gelte für eine Philosophin und Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung, Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem großen Räthsel “Liebe” hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was man mir mittheilt.”

“Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman weiter verlaufen.”

“Ich rechne darauf, daß du und Julian mich nicht blosstellen werdet. Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich dein Bruder erwiesen hat.”

“Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben, und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen, die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’ Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach ihr Treue auch in Gedanken.”

“Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere ‘Medizinschwester,’ wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr Vorstellungen. Die junge Frau wurde bleich, die Augen verloren den Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war, es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen. Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört. Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.”

Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein. Giulietta erhob sich: “Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.” Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand entgegenstreckend: “Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?” Da ich Antwort geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor Giulietta sie mir vorgestellt hatte. “Ich habe, bevor wir uns in das Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,” erklärte sie. “Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir werden uns mit Stühlen versorgen müssen!”

Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen, mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel lieben, sie möchten ein Match machen.