Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: “Ich habe auch seit ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.” Die böse Frau hatte ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem anderen, auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. “Ich necke meinen Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist, Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.”

Mittlerweile — Giulietta hatte mit Lori geplaudert — kam das Mädchen von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen. Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen. Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden. Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: “Fertig! Laßt jetzt die Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir brauchen Männer, die uns den Hof machen.”

Die Herren übersiedelten zu uns und während wir uns ans Genießen machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.

“Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter dem anderen sich kreuzen.”

“Ich glaube,” sagte Mary, “du machst die Rechnung ohne den Wirth, Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus dem Kopfe schlagen.”

“Ich wüßte nicht, Mary,” sagte der Professor “daß wir andere Pläne hätten.”

“Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.”

“Laß hören, ich bin neugierig.”

“Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb, du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen. Für die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt — das heißt, wenn mein gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, — und Dr. Kolb rathe ich, im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen; vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.”

“Jeder bleibe bei seinem Leisten,” sagte Dr. Kolb lachend, “die Mitternachtssonne gebührt den Malern.”