“Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen, das wird ein “Jux” werden.”
“Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,” sagte der Professor.
Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette gebracht worden.
Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich, wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte, die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man drang nicht weiter in mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause. Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nur ein junger Mann da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich; aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die Wagenlenkung hätte übertragen können.
Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.
Mary sagte: “Jetzt können wir englisch sprechen.” Ich nahm dankbar an und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. “Wenn ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,” sagte Mary unbefangen. “Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern sollen,” sagte Lydia. “Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.” “Seid ihr so streng?” “Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten und nicht langweilig zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.” “Ich habe aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande gehört.” “Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung. Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.” “Das ist wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?” “Ich glaube, unsere Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit größter Schonung.” “Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?” “Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.” “Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!” “Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch ungerecht befunden wird, nachtragen.” “Die Geheimnisse des Ehelebens sind doch gewiß unantastbar,” sagte ich inquisitorisch. “Nicht so ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.” “Was gehen die die Curie an?” “Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurde mir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen. Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht, die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung, und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so — wurde er es auch,” sagte Mary mit reizendem Lächeln, “das heißt in spe.” “Entstehen aus solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?” “Wir sind von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen, und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu schämen, weil niemand davon frei ist.” “Diese Institution erinnert an die Beichte,” sagte ich. “Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede. Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin beraten und vielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen sollten.” “Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.” “Gewiß, dann bezeichnet man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich ihrer als Vermittlerin.”
Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.