Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.
Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis, sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sondern die Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.”
Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seiner Encyklika de conditione opificum, die in der Erörterung der socialen Frage herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und Vollkommenheit zum Wesen des Menschen gehöre (Absatz 4). Und das entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und Christus antwortete darauf: “Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.” Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. “Ihr werden viele Sünden verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.”[P] Johannes sagt von ihm: (11, 5.) “Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria und den Lazarus.” Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftliche Arbeit, denn wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt, ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, — so sagt Christus doch nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.
Wenn Christus sagt: Mann und Weib sind zwei in einem Fleische, so gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt, wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.
Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht, verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in den Magen und nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich, ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die Ehebrecherin?
Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der Nächstenliebe zuwider.
Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christus classisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer, als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern, sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten, denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.
Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: “Die Frau und der Socialismus”, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt, das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q] — Christus, der dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach, Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere Zurechtweisung ertheilte, als: “Geh' und sündige nicht mehr,” dessen Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll Verachtung der Frauen gepredigt haben, und er, dessen Schlußlehre war: “Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie und besucht sie, wenn sie krank sind, anderen Gottesdienst gibt es nicht” — er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal, er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt: “Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des Himmelreiches willen,” aber er fügt hinzu, “dann werdet ihr hundert Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.”
Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert, daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt, daß die Aufgabe des Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit zu vertheilen[R], daß es also eine irdische und höchst praktische Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.
Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12: “Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich erhalten,” und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern philosophisch.