Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus spottet über die pharisäische Lehre: “Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an,” und tadelt, “den selbstgewählten Dienst und die Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt zur Sättigung des Fleisches.”
Askese zu üben ist ganz und gar nicht christlich und Askese zu fordern geradezu unchristlich.
Irregeführt ist Bebel durch das, was Christus von der Ehe sagt, indem dieser bestätigt, daß es nicht gut heirathen sei. Allein Christus sprach in Räthseln und gerade an diesem Orte erklärte Christus, daß er nicht sagen könne, was er denke. “Wenige verstehen dieses Wort” und “wer es fassen kann, der fasse es.” Es ist also gewiß gerade diese Lehre Christi am wenigsten wörtlich zu nehmen und Bebel nimmt sie gerade so brutal wörtlich, wie die russischen Skopzen. Ich glaube, daß Christus nicht im entferntesten meinte, alle sollen verschnitten sein, und daß er unter Verschneidung zwar eine Entsagung, aber keine asketische Entsagung verstand. Ich glaube, Christus meinte, daß sein “Reich” unmöglich sei, wenn alle Familien gründen wollen, er setzte voraus, daß viele, aber keineswegs, daß alle dem Familienglücke entsagen würden, damit das “Reich” bestehen könne. Die Entsagung betrifft also die Zeugung, nicht die Liebe. Auch ich glaube, daß der sociale Staat unmöglich ist, wenn nicht ein großer Theil des Volkes der Familie gänzlich entsagt. Ob aber diese Annahme richtig ist, wird erst die Erfahrung zeigen, wenn die neue Ordnung wird eingeleitet sein. Alle Beobachtungen unter den heutigen Verhältnissen sind trügerisch. Aber die Beschränkung der Zeugung war zu allen Zeiten und bei allen Völkern bekannt und selbst bei jenen, die noch im Naturzustande leben, wie Azara von Wilden in Südamerika berichtet. Es giebt zwingende Verhältnisse, die alle Theorie und aprioristische Moral zu Schanden machen und darum möge man ein endgiltiges Urtheil über vieles aufschieben, was ohne Anstellung vielfältiger Beobachtungen nicht beurtheilt werden kann.
Malthusianismus scheint gewiß verwerflich zu sein, aber eine Propagation bis an die Grenze der von der Natur gebotenen Möglichkeit halte ich für ein Absurdum. Doch wir brauchen Erfahrungen, die unter der heutigen Weltordnung nicht gesammelt werden können.
Auch darüber hat sich Bebel in seinem Buche: “Die Frau und der Socialismus” ausgesprochen, aber seine Lehre halte ich, ich halte sie für eine irrthümliche. Wenn er Spencer citirt, der sagte: “Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungsfähigkeit einander entgegengesetzt,” so bleibt noch immer die Frage, ob Spencer nicht hätte sagen müssen: “Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungswille einander entgegengesetzt,” denn aus der thatsächlichen Vermehrung eines Volkes auf dessen Fortpflanzungsfähigkeit zu schließen, ist absurd. Was bisher aber alle Sociologen übersehen zu haben scheinen, ist das, daß es sich nicht darum handelt, wieviele Menschen die Erde und, da man doch nicht die Auswanderung zur Regel machen kann, wieviele Menschen die heimathliche Erde ernähren kann. Nicht die Erde ernährt die Menschen, sondern die produktive Bevölkerung und der Mensch lebt ja nicht allein vom Brode. Die Frage ist daher, wie viele Kinder ein Erwachsener erziehen und verpflegen kann. Mit Hilfe von ausgebeuteten Lohnsklaven allerdings kann man auch zehn und zwanzig erziehen und ernähren, aber jeder für sich? Können wir, wenn die Kinder sich verdreifachen, sie erziehen und ihnen Häuser bauen? Da von sechs Kindern, die geboren werden könnten, nur eins geboren wird[S], so muß doch ein anderer Factor auf die Zahl der Geburten einwirken, als blos die Begrenztheit des natürlichen Zeugungsvermögens. Da liegt ein noch ungelöstes Räthsel und eine Seite der Frage, die noch nicht ins Auge gefaßt worden ist.
Damit widerlegt sich auch, was Bebel mit Berufung auf Liebig Seite 259 und 260 ausführt. Denn durch rasche Vermehrung der Geburten vermehren sich vorerst nur die Zehrer, aber nicht die arbeitenden Hände, und ohne diese vermehrt sich ja auch die Bodenrente nicht, noch weniger aber vermehren sich die Wohnhäuser.
Oswald Schmidt, Leipzig-Reudnitz.