"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.
"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der Neuling.
"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht, was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen, kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen, aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"
"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht, denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht es bei diesem und Andern böses Blut!"
"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut. Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen, das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll, weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken, bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller, gutmüthiger Riese.
"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.
"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.
"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.
"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.
"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell, die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual wird!" meint der Duckmäuser.