Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt, auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.

Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden, aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen wird.

Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger Ersprießliches erzielten.

Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und Bekehrung unzugänglich zu machen.

Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer, stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft nimmermehr zu erreichen vermag.

Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und Selbstmörder werde.

Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen oder Stockfischen zu werden, sich selbst zu isoliren und weil dies nicht angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu begehen.

Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen, strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine unmögliche Sache.

Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet, schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser, blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen Gänge des Saales sich hindurchwinden.

Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme hörbar, nämlich die des Werkmeisters.—