Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.
Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und Andere müssen dieselben wiederholen.
Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun—er stiehlt eine Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt, nämlich ins Zuchthaus zurück.
In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und Spitäler.—Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!—
Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.
In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren. Auch stände nichts davon in der Hausordnung.
Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen.
Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert, der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug, um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich das Erwischtwerden! —Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster, denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen, weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt. Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte, nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und entfernt sich traurig und wehmutsvoll.
Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.
Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht, dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!—