Erstens liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt hinein.

Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere.

Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen Richter zu thun zu bekommen.

Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig um deren Predigten.

"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt! ... Gibt es Einen, dann kommen wir in den Himmel, jedenfalls vor den Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können wirs nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition, aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in die Stadt hinaus darf!"

So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt:

"Der kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"

An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres.

Zweitens nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion überhaupt gesteigert.

Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den Christenmenschen Siege feiern zu lassen.