Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.
Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit 6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht: Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.
Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch das Kind zu sich nahmen.
Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir an den Augen abzusehen vermochte.
Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren wäre—ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit, den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.
Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf, die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth mangelte.
In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag wegbrachte, wuchs unser Muth.
Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.
Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht auf, geht zur Thüre hinaus und—kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien, ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.
Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater das Tanzen gelernt haben.