Ein weiterer Beweis, wie weit die Protestantisirung der Katholiken in paritätischen Ländern gediehen, liegt in der Thatsache, daß zu meiner Zeit nicht sowohl die Kenntnißvollsten oder Besten, sondern weit eher mittelmäßige Köpfe, Feiglinge, welche nicht den Muth besaßen, Entbehrungen und Leiden der Armuth zu ertragen, niedrig denkende Bursche, welche von vornherein an die Nichterfüllung gewisser beschworener Pflichten ihres künftigen Standes dachten, sich dem Dienste der Weltkirche Jesu Christi widmeten.

Begreiflich!—erinnere ich mich doch mehr als eines aufgeklärten Professors, der sehr verächtlich in Gegenwart der Schüler vom Stande katholischer Geistlichen redete und offen aussprach, der Dümmste sei immerhin noch gescheidt genug, um für die Kirche gesalbt zu werden!—

Soll ich länger noch bei dem heimtückischen, verkappten Kriege mich aufhalten, der mit schlauer Berechnung gegen Katholizismus und Kirche geführt wurde, während man von Oben herab und Unten herauf von Erhaltung religiösen Friedens, Gleichberechtigung der Confessionen und andern schönen Sächelchen laut genug log und durch Lügen das Gewissen der Hirten der Kirche in süßen Halbschlummer und verderbenbringende Betäubung lullte?—

So lange katholische Lehrer inwendige Protestanten sind, die Schulen nicht zu Confessionsschulen und alle mit der christkatholischen Weltanschauung in näherer Berührung stehenden Unterrichtszweige nicht aus katholischen Büchern erlernt werden, so lange wird auch ein neuer und besserer Geist das Volk nicht erneuern und beleben, sondern das schleichende Gift des Heidenthums wird weiter fressen und zuletzt den Organismus der alten, kranken Gesellschaft zerstören!—

Einige Jahre verlor ich an Gelehrtenschulen, an denen keine gründliche Bildung zu holen und das bischen Christenthum, welches manche Kameraden aus der Heimath mitgebracht, bald verloren war. Der schnell erfolgte Tod meines Vaters fiel als Hagelschlag in meine reichlich blühenden Hoffnungen auf eine ehrenvolle, glänzende Zukunft. Es stellte sich heraus, das Vermögen sei bei weitem nicht so groß als man sich allgemein vorgestellt und eine ziemlich sorglose Haushaltung hatte Vieles beigetragen, dasselbe zu zerrütten. Außer dem ältern Bruder Anton und mir waren noch mehrere Schwestern vorhanden. Anton war älter als ich, noch immer derselbe ruhige, stille Mensch, welcher er von jeher gewesen und noch immer entschlossen, ein Geistlicher zu werden. Er wollte dies nicht, weil er etwa mehr Glauben oder Kenntnisse in religiösen und kirchlichen Dingen besaß als ich, sondern weil ihm die Aussicht auf das friedliche Leben eines Landpfarrers behagte. Es war der Seelenwunsch der Mutter, daß er seinem Plane getreu bleibe, doch stellte der Tod des Vaters der Ausführung desselben Hindernisse entgegen. Die Unterstützung irgend einer Art anzunehmen, das armselige Leben eines Bettelstudentleins zu führen, dies waren Gedanken, welche die etwas stolze Mutter so wenig als Anton zu ertragen vermochten. Der Stand des Vermögens war jedoch so, daß Einer von uns Brüdern dem Studiren entsagen mußte, wenn soviel übrig bleiben sollte, um den vier Schwestern eine angemessene Erziehung und einige Aussicht auf zeitliche Versorgung zu geben. Anton war um zwei Jahre vor mir, ich liebte die Mutter und wußte bereits, daß Geld die Welt regiere, folglich meine Schwestern ohne einiges Geld schwerlich jemals zur Regierung eines Hauswesens gelangten. Nicht ohne Kampf, doch voll Freude über den Sieg verzichtete ich auf das Leben eines Studirten. Meine Neigung Soldat zu werden, ward von der Mutter aus allen Kräften bekämpft. Ich begann Musik zu treiben und trat kaum ein Jahr nach dem Tode des Vaters ins Lehrerseminar.

Sie begreifen, daß ich ohne religiösen Glauben, folglich auch ohne sittlichen Halt in dasselbe trat und beim Eifer meines Studirens sowie bei der Lebhaftigkeit meines Temperaments als vollendeter Feind des Pfaffenthums und voll Begeisterung für ein aufgeklärtes, freies, glückliches Volk aus demselben herauskam, während mich gewisse Vorfälle und Erfahrungen, die ich seit dem Tode des Vaters gemacht, gegen "honette und gebildete" Leute stark eingenommen hatten.

Ich war einige Jahre Schulmeister und habe während dieser Zeit Vieles durchgemacht, zumal die häuslichen Verhältnisse der Meinigen sich verschlimmerten. Mein Ehrgeiz drohte unter der Wucht drückender Lebensverhältnisse zu erliegen und leider mit ihm löblichere Eigenschaften. —Jetzt begreife ich, weßhalb die Behörden mich zurücksetzten und meine Vorgesetzten mir keine Ruhe ließen, doch damals sah ich nur Ungerechtigkeit, Partheilichkeit, Pfaffenhaß, Weiberintriguen und machte mich selbst zum Unseligsten aller Menschen.—Nicht die Religion, sondern die Liebe für eine Sonntagsschülerin war es, welche meinem schwankenden, ruhelosen, unseligen Wesen wiederum Halt, Friede, jenen Schimmer der Seligkeit gewährt, welcher Jedem die Erinnerung an die erste Liebe unvergeßlich macht.

Ich erfuhr nicht, daß Liebe der Lange Irrthum Eines Betrogenen Esels sei, wie Saphir herb genug witzelt, aber ich war ein Schwärmer, ein Romanenheld, die Geliebte dagegen ein verständiges, treuherziges, einfaches Landmädchen. ... Es verstand mich nicht, Eltern und Verwandte erklärten sich gegen mich —Doch, ich will Sie mit meiner Liebesgeschichte nicht langweilen.

Sie modert längst im Grabe und in demselben Grabe mein besserer Mensch. Ich verlor sie keineswegs durch den Tod, denn sie starb erst, während ich in Frankreich lebte. Sie ließ sich halb und halb zu einer Heirath zwingen und war zu edel, um ein Verhältniß fortzusetzen, welches ihren Pflichten hätte gefährlich werden müssen. Ihr Verlust war für mich der Anfang einer Sittenverwilderung, deren Schilderung Sie mir gewiß gerne erlassen. Ich sank von Stufe zu Stufe und stürzte mich in Schulden, aus denen mich die Meinigen weder herauszureißen vermochten, noch den Willen dazu hatten. Die Meinigen verfluchten, die Behörden bedrohten, die Gläubiger verfolgten, alle Bessern verachteten mich und ich, ich glaubte—ein noch immer vortrefflicher Mensch und verdienter Lehrer zu sein und ein Recht zu besitzen, der ganzen Welt zu trotzen.

Nur mit Schauder denke ich an jenen Sonntag zurück, an welchem ich im Hochamte während der Wandlung auf der Orgel das Bänkelsängerlied: