Junges Glück und alter Hochmuth.

Es gibt nichts Lieblicheres und Wohltuenderes als die sonnenreichen, milden Tage, welche von Maria Geburt bis Allerheiligen und manchmal bis in den Dezember hinein der Herbst in das badische Land bringt. Oft schaut der Schnee von den höchsten Bergen des Schwarzwaldes dem paradiesischen Frühling und Sommer des Rheinthales tief ins Auge und der Blick in die Schweizeralpen gibt ihm Muth zum Dableiben und muß er sich endlich in die schattenreichsten Klüfte flüchten, zuletzt auch diese Schlupfwinkel meiden und als neutrales Gebiet zurücklassen, wo weder der Winter noch der Sommer herrscht und nur der Frühling sein neckisches Knabenspiel ein bischen treibt, so kehrt der Winter von seinem Besuche bei den Schweizerbergen doch frühzeitig wieder zurück und versucht es, seinen Schneemantel wieder über die Höhen des Schwarzwaldes zu werfen. Entdeckt der September einige Zipfel des Schneemantels, so lacht er darob und jagt den Winter mindestens in seine Klüfte mit einer etwas stark verbrauchten Sonnenstrahlenruthe zurück; der Oktober lacht auch noch, doch heult, lärmt und weint er immer mehr dazwischen, denn der Winter redet von seinen Burgen herab schon ein ernsthafteres Wörtlein und sendet wohl zuweilen seinen Spion, den Frost in das Land des Herbstes; dieser gibt den Gedanken an Eroberung der Burgen immer mehr auf, begnügt sich, in den stillen, heimlichen Thälern des Schwarzwaldes am Tage herumzuwandern und bekommt endlich genug zu thun, um sich den vom Gebirge herabstürzenden Vortrab des Winters vom Leibe zu halten; wenn der November endlich auf den Kampfplatz tritt, mit seinem wahren Diplomatengewissen und ebenso geneigt, mit dem Sommer und dem Winter zu unterhandeln und beide an der Nase herumzuführen, so schaut dieser manchmal griesgrämig und finster drein, wenn ihm der Oktober keinen guten Neuen credenzt und tüchtig einschenkt. Ist der Wein gut und ein bischen viel, dann bringts der November wohl noch dem Dezember zu und mehr als ein sonnenhelles Lächeln zuckt über das kahle, verwitterte Gesicht des sonst so kalten und menschenfeindlichen Alten, er lüftet wohl seinen Schneemantel oder schlendert denselben lustig auf die Schwarzwälderberge zurück und stirbt als treuloser Knecht des Winters in der süßen Trunkenheit, welche der Oktober, ein rüstiger lebensfroher Fünfziger und der grauwerdende November mit seinem abgelebten Intriguantengesichte über ihn gebracht haben.

Am Tage, an welchem der Duckmäuser mit blutiger Stirn und blutendem Herzen dem Elternhaufe den Rücken kehren mußte, hatte der Oktober just scharfe Händel mit dem Winter bekommen, denn jener hatte den Schneemantel des letztern bereits auf den mittlern Bergen entdeckt und fürchtete für seine Vorhügel, wo der Wein noch vollends anszukochen war; beide lärmten und tobten, daß alle Bäume Reißaus nehmen wollten und weinten vor Zorn und Wuth, daß die Mutter Erde ob dem Verderben ihres zersetzten Unterrockes auch plätschernd schimpfte und kein trockener Faden an unserm Wanderer blieb.

Seine Werktagskleider hatte der Benedict im Thurme ein bischen stark abgerutscht, war neben andern auch mit Flickergedanken heimgegangen, jetzt besaß er nichts auf der weiten Welt, denn zerrissene Kleider, ein zerrissenes Herz und einen magern Geldbeutel, und weil er doch nicht wußte, wohin er sollte, ließ er sich vom Sturm auf's Gerathewohl vorwärts treiben und trunken von Schmerz, gleichgültig gegen das Leben, fühlt er wenig vom wilden Kampfe der Jahreszeiten und noch weniger von Hunger und Durst.

Würde ihm ein Gensdarme begegnen, so würde er nichts sagen über Wer, Woher und Wohin und ließe sich geduldig in irgend ein Gefängniß führen.

Gegen Abend kommt er in ein fremdes Dorf und der Leuenwirth nimmt ihn auf, weil er demselben einiges Geld zeigen kann. Er ißt und trinkt wenig, weint jedoch viele bittere Thränen in sein Kopfkissen, weils ihm wird, als ob die Margareth, das Vefele, die Susanne sammt der Marzell in der Kammer wären und gar wehmüthig und traurig in das Bett des Verstoßenen hineinschauten, der nicht einmal Abschied von diesen lieben Seelen genommen hatte. Er weint und betet, redet im unsäglichen Wehe mit sich selber, da fährt ein Gedanke durch seine Seele, wie ein falber Blitz durch die stürmische Wetternacht.

Lebt nicht einige Stunden von hier, in einem Dorfe in der Nähe des Rheines ein alter, guter Freund? Ist dieser Freund nicht wohlbestallter Schweinehirt seines Dorfes? Braucht ein solcher nicht einen Knecht, wenn die Zahl der unartigen, grunzenden Pflegebefohlenen ein bischen groß ist? Heißt der Freund nicht auch Mathes, wie neben dem Gregor der beste Freund, welchen der Benedict bei der schwarzen Schwitt besaß? Ist jener Mathes kein "göttlicher Sauhirte", so ist er doch ein gutmüthiger, lustiger Kamerad und ein Musikant dazu. Wie oft ließ er den Brummbaß schnurren an Kirchweihen und an der Fastnacht, bei Hochzeiten und sogar bei einigen Festen der schwarzen Schwitt und saß er nicht auf der Musikantenbank in der Nähe des Benedict, wenn dieser mit seiner Klarinette die schönsten Walzer und Hopser in den Tumult und in die Staubwolke des Tanzsaales hineinblies? Hatte er nicht manches Glas mit dem Benedict getrunken, diesen seinen "Herzgepoppelten" genannt, ihm von den Freuden des einsamen, stillen Waldes und des Lebens unter den Schweinen erzählt? Kannte der Mathes nicht die Margareth und die Marzelle und Alle, welche dem Duckmäuser jemals lieb und werth gewesen? Wo sollte in dieser Zeit sonst ein Plätzlein gefunden werden, wo der verstoßene Bueb überwintern konnte?

Ganz beruhigt schläft Benedict ein, erwacht sehr frühe und lauscht, bis ein Getrabe im Wirthshause entsteht, darf nicht lange darauf warten, läßt sich den Weg ein bischen sagen und dieser ist nicht schwer aufzufinden. Die Sterne stehen noch über den finstern Höhen des Gebirges, als er sich auf den Weg macht und es wird nicht Mittag, so findet der Benedict den schweinetreibenden Mathes mitten unter seiner Heerde im Eichwald.

Der Hirtenhund des Mathes würdigt den Gast keines Blickes, denn er erkennt in demselben kein rechtes Schwein und was nicht Schwein heißt, existirt für ihn gar nicht auf dieser Welt; dagegen hört der Trüffelhund des Mathes mit Scharren auf, bellt lustig und rennt dem Ankömmling entgegen, sein Herr thut dasselbe und nach 3 Minuten weiß der Benedict, daß er zu keiner gelegneren Zeit hätte kommen können.

Der Mathes erkennt im Unglücke des Freundes eine Schickung des Himmels, welcher sich auch eines geplagten Schweinehirten erbarmt; gerade gestern ist der Knecht entlaufen, "'s war ein Ueberrheiner, ein Spitzbube", sagt der Hirt und installirt sofort durch Ueberreichung des Hörnleins den Benedict als neuen Knecht.