Wie der schmucke Benedict, der trotz des armseligen Gewandes ein hübscher Bursche blieb und durch das Tuch um den Kopf etwas Rührendes und Malerisches gewann, am andern Morgen mit seinem Horn die Ringelschwänze des Rheindorfes zusammenbläst, grüßt ihn von manchem Hofthor herüber manch liebliches und freundliches Gesicht, und es kommt ihm vor, die Leute seien hier wohl besser als daheim im Dörflein.
An den letzten Häusern bläst er noch einmal recht herzhaft und freudig und wäre das Hörnlein eine Klapptrompete gewesen, so würde er in langgezogenen Tönen und raschen Tonläufen der neuen Heimath einen feierlichen und jubelnden Morgengruß zugeblasen haben. Jetzt treibt ein gar reinlich gekleidetes und nettes Mädle mit brennend schwarzen Augen, zarten rothen Wangen und freundlichem Munde ein Mutterschwein sammt drei Ferkeln zur grunzenden Armee, blickt auf, steht wie versteinert, geht auf den Benedict zu, nennt ihn beim Namen, faßt dessen Hand, begrüßt ihn als Freund und ladet ihn dringend ein, doch so bald als möglich in ihr Haus zu kommen.
Gewiß hat noch kein Feldherr sein siegreiches Heer mit seligeren Empfindungen in die Heimath zurückgeführt, als jetzt der Duckmäuser seine Ringelschwänzlein zum Walde trieb.
Er hat Brod, hat einen Freund, hat eine liebe Freundin, was will der Mensch mehr? Bis zum Abend muß er im Walde bleiben, der Mathes ist ein kurzweiliger Gesell, doch von zarten Gefühlen und schwärmerischen Empfindungen versteht er nichts, dem Knechte kommt es vor, als ob der kurze, trübe Oktobertag mit seinen dampfenden Bergwäldern ein endloser Junitag voll Blüthenduft und Sonnenlicht und herrlicher, doch gar zu langsam reifender Früchte sei und kaum sind seine Pflegebefohlenen freudig grunzend und lustig schreiend heimgesprungen, kaum sind die letzten von den Bäuerinnen unten im Dorfe in die Ställe gelockt worden, so steht der Benedict vor der Schulkamerädin und Landsmännin, der freundlichen Rosa; ihr Pflegevater, der alte Straßenbasche, ein ehemaliger Unteroffizier, jetzt ein zufriedener Bauer und fleißiger Straßenknecht dazu, ladet ihn zum Nachtessen ein und die Pflegmutter springt fort, um bei der Scheckenbäurin drüben die versprochenen Trauben und beim Adlerwirth eine Flasche Ueberrheiner zu holen.—Lange Jahre haben sich Rosa und Benedict nicht mehr gesehen; sie kam fort, ehe die beiden Schwitten im Werden waren und ihre Geschichte ist eine in jeder Hinsicht zu wahrhaftige Dorfgeschichte, die Rosa spielt fortan eine zu erhebliche Rolle, als daß wir nichts Näheres erzählen sollten.
Rosas Eltern wohnten einst nicht weit vom Schulhause, in welchem der Benedict als Unterlehrer und als "der Leichtsinnigste von Allen" Knabenlorbeern pflückte. Sie liebte den Unterlehrer, denn er sagte auch ihr ein, machte auch ihre Aufsätze, beschützte auch sie beim Schuckballen und Ziehen auf der Wiese gegen den Unverstand und die Rohheit des Max, Willibald und anderer gar früh keimender Lümmel der rothen Schwitt, welche Freude daran fanden, die Mädchen zu necken, zum Weinen zu bringen, ihre Kleider zu zerreißen und in den Kinderhimmel derselben hineinzubengeln, bis sie sich schüchtern mit Zusehen begnügten oder schreiend heimsprangen. Die Freundlichkeit, Güte und Liebe des starken Benedict gegen die schwachen Mädlen war auch der Rosa unvergeßlich geblieben, deren Geschick sich minder freundlich gestaltete, als das der Kameradinnen, so daß sie ohne Gottes besondern Schutz leicht ein weiblicher Zuckerhannes hätte werden mögen, deren es jährlich mehr im Badischen wie anderwärts gibt. Rosas Eltern waren weder reiche noch arme, sondern mittelbegüterte, dabei grundehrliche, gottesfürchtige Leute vom alten Schlage.
War Benedicts Vater ein bischen zu finster und in Geldangelegenheiten oft karg und hart, so war der Vater Rosas fast zu leutselig, zu gut und barmherzig, schenkte Jedem gleich sein Zutrauen und litt an der Schwachheit, niemals eine Bitte abschlagen zu können, wo das Helfen irgendwie in seiner Macht stand.
Kommt eines Tages ein naher Vetter zum Klaus, wie Rosas Vater hieß, der überall der "ehrliche Klaus" genannt wurde und dessen Wort mehr galt als heutzutage doppelte gerichtliche Versicherung; der Vetter aber klagte erbärmlich, denn er hat Schulden, die Gläubiger wollen entweder bezahlt sein oder einen guten Bürgen haben. Klaus redet mit seiner Alten, leistet richtig Bürgschaft und sein bloßes Versprechen, im Nothfalle Selbstzahler werden zu wollen, beruhigte und befriedigt die Gläubiger des Vetters. Dieser jedoch gehört zu den vielen gewissenlosen Schuften, die gar stolz und eingebildet im Bauernrock und Herrenmantel an Zuchthäusern vorüberwandeln und sich darüber freuen, daß man in der Welt gemeiniglich nur die kleinen Spitzbuben hängt, die großen dagegen laufen läßt. Er benützt Klausens gutmüthige Schwachheit noch weiter, nimmt auf dessen Bürgschaft hin ein ordentliches Kapital auf, macht im Stillen Haus und Hof zu Geld und eines schönen Morgens verschwindet er aus dem Dorfe und kommt nicht wieder; nach einigen Monaten wandern die Seinigen ihm nach und zwar nach Amerika, wo allmälig alle Spitzbuben und Schurken der Welt sich gerne ein Stelldichein geben und den ehrlichen Leuten das Spiel verderben.
Jetzt kommen einige Gläubiger des saubern Vetters zum Klaus, doch ihre Hoffnungen sind schwach, denn der Klaus ist kein reicher Mann, hat ein Weib und vier unschuldige, unerzogene Kindlein, zudem besitzen sie nicht Schwarz auf Weiß und das Ja, welches ehemals aus Klausens Lippen tönte, verhallt gewiß unter dem Nein aller Gründe, welche Klugheit, Selbstliebe und Pflichtgefühl eines Familienvaters einzugeben vermögen.
Einige Gläubiger klopfen gar nicht an, sie wollen den biedern, ehrlichen Mann nicht einmal durch eine Frage ängstigen.
Zu den Andern dagegen spricht der Mann wörtlich: