Der erste Lehrplan der Hamburger Frauenhochschule umfaßte: Einleitung in die Philosophie, Erziehungslehre, Erklärung der Gedichte Schillers, Geschichte der Religionen, Englisch, Französisch, Geschichte, Geographie, Literatur, Sprachlehre, Formenlehre, Zeichnen, Gesang, Übungen im Kindergarten.

Außerdem war den Hochschülerinnen Gelegenheit gegeben, an den außerhalb der Anstalt stattfindenden Vorträgen Friedrich Fröbels teilzunehmen.

Es herrschte ein frisches, geistig reges Leben in der jungen Frauenhochschule. Malvida von Meysenbug, die die Anstalt damals besuchte, erzählt anschaulich davon in ihren berühmten „Memoiren einer Idealistin“:

„Ich war keine junge Schülerin mehr, ich war ein gereiftes Wesen, das aus den Konflikten des Daseins zu der einzig wahren Zuflucht flüchtete, zu einer edlen nutzbringenden Tätigkeit. Ein eigenes, beinahe feierliches Gefühl erfaßte mich, als ich die Schwelle des Hauses, in welchem ich ein neues Leben beginnen wollte, überschritt.“ Und dann schildert sie ihr Bekanntwerden mit Fröbels pädagogischem System: „Ich hatte bereits davon reden hören, sah es hier zuerst in der Praxis (in dem Kindergarten der Hochschule!) und war entzückt davon. Psychologisch tief und geistvoll fand ich alle Grundsätze, welche Fröbels System zugrunde liegen und worin sein eigentlicher Wert besteht. Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war eine wahrhaft beglückende.“

Die Hochschülerinnen wurden aber nicht nur in das Reich des Geistes eingeführt, sondern sie mußten auch häusliche Arbeiten verrichten. Malvida von Meysenbug erzählt z. B. u. a.: „Einmal in der Woche standen wir im Garten fröhlich um einen Waschtrog, und während die Hände Wäsche rieben, besprachen wir Gegenstände aus den Vorträgen oder sonst wichtige Fragen. Wir taten die gröbere Arbeit, weil es zum Vorteil der Anstalt diente, die unser allerhöchstes Interesse war, und wir fühlten uns dadurch nicht gedemütigt. Viele der begabtesten Schülerinnen, denen bisher jede häusliche Beschäftigung ein Greuel war, suchten diese jetzt mit der geistigen Arbeit zu vereinen. Die Leichtsinnigen wurden ernst, die Faulen fleißig. Es war eine Strömung, die sie alle zum Guten fortriß.“

Der jungen Anstalt war aber nur ein kurzes Dasein beschieden. Sie fiel der – nach der Revolution von 1848 – einsetzenden Reaktion zum Opfer. Die Beziehungen der Hamburger Frauenhochschule zu den freireligiösen Gemeinden genügten den Gegnern, die Anstalt durch gedruckte Pamphlete zu verdächtigen. Sie wurde „als ein Herd der Demagogie dargestellt, wo unter dem Mantel der Wissenschaft revolutionäre Pläne geschmiedet würden.“ Viele Eltern wurden dadurch irre gemacht und erlaubten ihren Töchtern nicht den Besuch der Schule. Der Mangel an Hörerinnen brachte die Anstalt in finanzielle Schwierigkeiten, und sie mußte geschlossen werden.

Vielleicht wäre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten, wenn man sich dazu hätte entschließen können, dem damals herrschenden Geist der Reaktion Zugeständnisse zu machen. Aber das wollte man nicht. „Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu überlassen, als einen Kompromiß mit der alten Welt zu machen.“ Die Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: „Die Erfahrung war gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur völligen Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und zum Besitze aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur Verwirklichung getreten: Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben. Wir zweifelten nicht, daß viele von denen, welche seine erste Inkarnation in unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen würden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt.“

Diese Hoffnungen erfüllten sich – durch Henriette Goldschmidt.

Eine der Mitbegründerinnen der Hamburger Frauenhochschule – und zugleich eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise – Emilie Wüstenfeld – stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persönlich und Henriette Goldschmidt nannte später Emilie Wüstenfeld „ihre liebe Gesinnungsgenossin“, da diese, ebenso wie sie selbst, „eine Reform der Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage für die Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend als notwendigen Ausgangspunkt für den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit für notwendig hielt,“ vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb eine „liebe Gesinnungsgenossin“, weil Emilie Wüstenfeld Henriette Goldschmidts Überzeugung teilte, „daß dieser Ausgangspunkt in der glücklichsten Weise in der Pädagogik Fröbels vorhanden“ sei.

Das also war die historische Grundlage für Henriette Goldschmidts Idee einer Frauenhochschule.