»Sie brauchen unsere Hilfe, wir wollen sie rasch in das Haus tragen,« sagte Frau Charlotte einfach.
Sie beugte sich nieder und bemühte sich, einen der beiden Männer vom Boden aufzuheben; ihr Gatte unterstützte sie, und ihren vereinten Kräften gelang es, die beiden Verirrten in das Haus zu bringen. Die Pfarrerin räumte, ohne sich lange zu besinnen, das eigene Schlafgemach ein. Im Zimmer sahen sie beide erst erschüttert, in welchem jammervollen Zustande ihre Schützlinge waren. Nur Lumpen bildeten ihre Kleidung, die Füße waren mit dicken Lappen umwickelt, und während Frau Charlotte am Herd stand und einen heißen Trank bereitete, verband der Pfarrer, der darin manche Erfahrung hatte, die Wunden der Flüchtlinge. Ein tiefes, gütiges Erbarmen lag in seinem Gesicht, als er auf die völlig vernachlässigten, vereiterten Wunden sah. Er dachte nicht, dies sind Feinde, er dachte nur daran, daß es Unglückliche waren, die seiner Hilfe bedurften.
Es war eine schwere, unruhige Nacht. Die Pfarrersleute fanden keinen Schlaf in ihr, aber auch Frau Friederike von Seeheim versuchte vergeblich, Ruhe zu finden. Sie wälzte sich auf ihrem Lager hin und her, die weichen Kissen dünkten ihr hart, die Nacht unerträglich lang, der Schlaf floh ihre Augen. Immer wieder sagte sie sich: »Ich tat recht, dem Feinde die Zuflucht zu verweigern, es war meine Pflicht, gegen mein Vaterland.«
Aber immer wieder meinte sie draußen eine flehende Stimme zu hören, die klagend um Erbarmen rief.
7. Kapitel.
Vater und Sohn.
Wie sonst, hielt auch Pfarrer Flemming am Neujahrsmorgen des Jahres 1813 die Andacht in der Kirche. Aber nicht wie sonst begleiteten ihn seine Frau und seine Kinder, nur Luise machte den Kirchweg an der Seite des Vaters. Frau Charlotte war bei den Kranken geblieben, die ihrer Hilfe bedurften, und Walter hatte gefehlt, er war nicht mit der Schwester zur Kirche gegangen und war auch, zu deren Verwunderung, nachher nicht erschienen, und so hatte Luise allein in dem alten Kirchenstuhl gesessen. Ihre lebhaften Augen blickten nicht wie sonst von einem zum andern, sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, etwas, was ihr schon so manchen Tadel der Mutter eingetragen hatte.
Sie saß ganz still, sie hatte so viel zu bedenken, daß sie sich immer wieder dabei ertappte, daß ihre Gedanken von der Predigt abirrten. Und doch sprach der gute Vater so schön, so ernst und eindringlich, trotzdem mußte sie immer an die beiden armen verirrten Franzosen denken, die in der Nacht in das Haus gekommen waren. Luise hatte trotz ihres Übermutes ein weiches, warm empfindendes Herzchen, das jetzt mit tiefem Mitleid erfüllt war. Sie dachte daran, wie es den Bruder erschüttert hatte, als ihnen heute früh die Eltern erzählten, was in der Nacht geschehen war, totenbleich hatte er das Zimmer verlassen, kein Wort hatte er gesprochen. Jetzt half er gewiß der Mutter bei der Pflege, hatte diese nicht allein lassen wollen. »Seinem Nächsten dienen ist auch ein Gottesdienst,« hatte der Vater gesagt; wie gut von dem Bruder, daß er nach diesem Worte handelte. Luise faßte den Plan, der Mutter auch fleißig zur Hand zu gehen, sie wollte nicht mehr spielen, sondern helfen, und da kamen ihr wieder allerlei romantische Gedanken, was sie alles tun wollte. Jede Arbeit wollte sie der Mutter abnehmen, wie ein richtiger kleiner Engel der Barmherzigkeit wollte sie im Hause schalten und walten, und im Geiste hörte sie schon die Mutter sagen: »Ja, wenn wir unsere Luise nicht hätten, wie sollte es werden!« Dann würde auch Tante Friederike nicht mehr schelten, ganz erstaunt würde sie sein über den Fleiß der Nichte. Flugs kamen ihr ein paar Tränlein der Rührung über ihre eigene Vortrefflichkeit. Doch plötzlich intonierte die Gemeinde das Schlußlied, und der Gesang weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Da fielen alle ihre Luftschlösser zusammen und recht beschämt, daß sie so wenig auf die Predigt geachtet hatte, ging sie an ihres Vaters Hand nach Hause.