Nach der Kirche hatte es die Pfarrersmagd dem Oberknecht vom Gute erzählt, daß ihr Herr Franzosen aufgenommen habe, der eine schrie ganz greulich, kein Wort wäre zu verstehen, sie fürchtete sich ordentlich. Bald verbreitete sich diese Kunde im Dorf und drang in das Herrenhaus. Dort hatten es die Dienstleute schon erfahren, daß in der Nacht Fremde an das Tor gepocht hatten. Jungfer Karoline, die munter geworden war, hatte es erzählt, daß sie vor Furcht sich das Deckbett über die Ohren gezogen, davon hatte sie freilich geschwiegen. Zuerst waren alle geneigt gewesen, ihre Herrin für hart zu halten, besonders, da der Vogt diese nicht, wie sonst, in den Schutz nahm, sondern schwieg. Friedrich, der Oberknecht, jedoch schimpfte auf das französische Gesindel, er ließ harte Worte gegen den Pfarrer fallen. Und weil er eine gewichtige Stimme hatte, redeten die andern bald wie er.

Frau Friederike war mit sich selbst unzufrieden. »Ich bin im Recht,« sagte sie sich, und um die mahnende Stimme ihres Gewissens zu übertönen, sprach sie herbe zu Jungfer Karoline darüber, daß es Sünde sei, wenn ein Deutscher Franzosen in sein Haus aufnehme. Das Wort reute sie rasch, aber es war gesprochen, und es ging weiter durch das Dorf. Manch einer zögerte freilich noch, den Pfarrer zu verurteilen. Die Frauen dachten milde und rühmten die Pfarrersleute ob ihrer Tat. Als Stasiu Wietak, der Stellmacher, der einen heimlichen Groll auf den Pfarrer hatte, so wie ihn falsche Menschen manchmal gegen jene haben, die die Lauterkeit selbst sind, höhnisch über die Flüchtlinge im Pfarrhaus spottete, da verwiesen ihm etliche seine Reden. Am Abend aber kamen die Männer bei dem Schmied zusammen, und die redeten miteinander von der Schmach des Landes. Stasiu Wietak war auch dabei, und er war freigebig an diesem Abend und verschenkte Kirschwasser, er hatte eine große Flasche voll mitgebracht. Das ungewohnte Getränk machte die Köpfe heiß, und der Stellmacher wußte geschickt das Feuer zu schüren; da vergaßen die Leute in dieser Stunde alle die treue Sorge, die Pfarrer Flemming seiner Gemeinde erwiesen hatte, und mit wilden Reden schalten sie auf den Geistlichen. Magister Richter versuchte bescheiden, die Tat des Pfarrers als eine gute hinzustellen, aber verächtlich drehte man ihm den Rücken; ja, Stasiu Wietak rief lachend: »Schweigt, Schulmeister, davon versteht Ihr nichts.« Die Männer nahmen ihren Zorn mit heim und hielten den Frauen, die mitleidig dachten und verteidigen wollten, die Tat der gnädigen Frau als Beispiel vor.

Während es so im Dorfe gärte, saß Pfarrer Flemming in seinem Hause und sorgte mit seiner Frau treulich für das Wohl der Kranken. Er wußte noch nichts von der erbitterten Stimmung seiner Gemeinde gegen ihn, aber eine bange Ahnung davon hatte sich seiner bemächtigt. Die Eheleute sprachen nicht darüber, aber wenn sie sich ansahen, da lag in beider Augen tiefes Weh. Sie wußten, sie hatten sich eine schwere Last auf die Schultern gebürdet, sie fühlten, sie würden um ihrer Tat willen von vielen verdammt werden, ach, und der, der ihnen diese Erkenntnis gebracht hatte, war ihr eigener Sohn gewesen. Ihr eigenes Kind hatte zum erstenmal die Ehrfurcht vor seinen Eltern vergessen, der Knabe hatte seinem Vater einen Vorwurf daraus gemacht, daß er die Feinde in sein Haus aufgenommen, trotzig, mit gefalteter Stirn, mit zornsprühenden Augen, hatte er vor seinen Eltern gestanden und weder die ernste Mahnung des Vaters, noch die sanfte Bitte der Mutter hatten vermocht, ihn von seinem Unrecht zu überzeugen.

»So geh denn in deine Kammer,« hatte der Vater endlich gesagt, »und vielleicht kommt dir in der Einsamkeit die Erkenntnis deines Unrechtes.«

Nun saß der Knabe oben in der kleinen Mansardenstube und starrte auf die weißen, glitzernden Eisblumen am Fenster. Er hatte ein Buch in der Hand, ein Buch, das ihm Frau von Seeheim geschenkt, und an dem sich seine feurige Knabenseele berauschte, »Wilhelm Tell von Friedrich von Schiller«.

»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,« über diese Worte kam er nicht hinweg. Er legte den Kopf auf das Fensterbrett und finstere, unklare Gedanken bewegten seine junge Seele. Ihm war es, als sei plötzlich ein schönes Bildwerk, zu dem er in ehrfurchtsvoller, frommer Bewunderung aufgeschaut hatte, zertrümmert worden. Seine Eltern hatten Feinde in ihr Haus aufgenommen, und sie hatten dadurch in seinen Augen Verrat an dem Vaterland geübt. Er dachte gar nicht darüber nach, was aus den beiden Unglücklichen in der kalten Winternacht hätte werden sollen, alle Worte von Nächstenliebe und Pflicht gegen die Mitmenschen hatte er vergessen. Er redete sich selbst immer tiefer in einen wilden Trotz hinein und kam sich in der kalten Kammer zuletzt fast wie ein Märtyrer einer guten Sache vor. Daß sacht die Dämmerung heraufgekommen war, merkte er gar nicht in seinem Sinnen.

Plötzlich schrak er zusammen, an das Fenster war Schnee geworfen worden, und ein leises Pfeifen klang von unten herauf. Walter sprang auf und öffnete das Fenster, das fest gefroren war und nur schwer nachgab, endlich ging es kreischend auf und Walter sah hinab. Dort unten aus dem Schatten der Bäume heraus löste sich eine Gestalt, und er erkannte Hans-Heinrich, der dort stand und ihm winkte.

Walter erkennt Hans-Heinrich

Walter sann nach, durch das Haus wagte er nicht zu gehen, er befürchtete, dem Vater zu begegnen oder von der Mutter gesehen zu werden. Das Weinspalier reichte nicht ganz bis zum Fenster, aber immerhin war es für ihn nicht allzu schwer, es zu erreichen, kurz entschlossen stieg er auf das Fensterbrett, und mit einem geschickten Sprung erfaßte er richtig das Spalier und kletterte nun an ihm herab; bald stand er neben dem Freunde, der ihm etwas verlegen die Hand reichte. »Komm hinter in euren Holzstall,« sagte der, »ich muß dich sprechen.«