Die Knaben gingen in den schon dunkeln Schuppen, und dort erzählte Hans-Heinrich, wie böse seine Mutter sei, und daß auch die Leute im Dorfe dem Pfarrer zürnten. »Ich denke, dein Vater hat recht getan, Walter, er hat doch nur ein paar arme Menschen aufgenommen, und das ist doch eigentlich seine Pflicht. Ich ginge am liebsten hinein, um die beiden zu besuchen, aber –« er stockte, »Mutter hat es mir verboten, ich sollte – sie mochte nicht, daß ich heute kommen sollte.« Scheu sah er den Freund an und drückte mit unbeholfener Zärtlichkeit dessen Hand, »grüße deine Eltern und Luise,« bat er.

Walter stand und biß die Lippen zusammen, er hörte gar nicht auf des Freundes letzte Worte, die Glut der Scham brannte in seinen Wangen, der Sohn schämte sich seines Vaters. Verachtet von den Leuten war er nun, der so hochverehrte Vater, ein Schützer, ein Freund der Franzosen war er geworden. Das mußte ihm geschehen, der sein Vaterland so glühend liebte.

»Leb' wohl,« sagte er rauh. Er wandte sich hastig ab, selbst der Freund brauchte nicht zu sehen wie sehr er litt. Niedergeschlagen schlich er sich wieder auf demselben mühsamen Weg, auf dem er gekommen war, in seine Kammer zurück.

Diesen Abend erschien Walter nicht mehr unten im Familienzimmer. Als Frau Charlotte mit schwerem Herzen zu dem Sohne kam, um zu versuchen, ob es ihren milden Worten gelingen würde, ihn zur Einsicht und Abbitte zu bewegen, da fand sie ihn, anscheinend im festen Schlaf, angekleidet auf seinem Bette liegen. Sie deckte ihn sorgsam zu und strich dann mit sanfter Hand über sein dunkles Haar, und ein heißes Gebet stieg aus ihrem Herzen empor, daß Gott den Sinn des Knaben lenken möge. Dann ging sie hinaus, und sie hörte nicht mehr das Aufschluchzen Walters. Dieser sprang auf und eilte zur Tür, er wollte diese aufreißen und der Mutter nacheilen, aber sein Trotz hielt ihn zurück, die Hand sank von der Klinke herab, die Schritte der Mutter verhallten, er war wieder allein und warf sich bitterlich weinend auf sein Lager.

Es war eine traurige Nacht im Pfarrhause.

Die Nacht, die kam, war nicht minder schwer als die vorhergehende für die Pfarrersleute. Sie wachten beide bei den Kranken. Luise hatte zwar flehentlich gebeten, sie pflegen zu lassen, aber Frau Charlotte hatte doch kein rechtes Zutrauen zu des kleinen Irrwischs Pflegekünsten. Luise ahnte aber nicht, wie trostreich ihre Hilfsbereitschaft, ihre zärtliche Liebe den Eltern war. Sie nahm Walters Trotzen nicht allzu schwer, und sie ahnte nicht, wie unsäglich die gütigen Eltern darunter litten. Zur Hand bleiben wollte sie jedoch der Mutter, auf dem harten, steifen Sofa der Wohnstube schlug sie ihr Lager auf, und dann schlief sie nach fünf Minuten wie ein Murmeltier und merkte nichts von aller Sorge und Unruhe, die die Kranken verursachten.

Der jüngere der beiden Flüchtlinge lag noch immer von jenem bleischweren Schlaf umfangen, in den er nach seiner Ankunft verfallen war, der ältere dagegen redete in wirren Fieberphantasien, er war anscheinend Franzose, er mischte aber viele deutsche Brocken in seine Reden. Frau Charlotte, die der französischen Sprache mächtig war, lauschte oft schaudernd den furchtbaren Bildern, die die Fieberträume des Kranken ihr enthüllten. Besorgt schritt sie ab und zu und legte immer wieder im Schnee gekühlte Tücher auf die heiße Stirn des Kranken. »Das Feuer brennt so hell,« schrie dieser, und »fort, fort, seht ihr nicht, alles steht in Flammen, kein Wasser – ach, ich verdurste!« Dann wieder flüsterte er geheimnisvoll: »Seht, da sind Tote, da – da – immer mehr, alle, – alle tot. Kamerad, komm doch, vorwärts, sieh, ein Licht.«

Gegen Morgen erwachte der Jüngere aus seinem Schlaf. Er sah sich erstaunt um in dem schlichten, sauberen Zimmer, wo war er nur? Da erblickte er Frau Charlotte. »Mutter,« flüsterte er wie träumend, »Mutter!« Erschüttert trat die Frau an sein Lager. »Ich bin nicht Ihre Mutter,« sagte sie sanft, »aber,« beruhigte sie, als sie den verstörten Ausdruck seiner Züge gewahrte, »Sie sind in guter Pflege, fürchten Sie nichts!«

Der Kranke bedeckte die Augen mit der Hand und stöhnte, »wo bin ich, ach, Madame sprechen Deutsch.«