»Sie sind auch in Deutschland, nicht mehr in Rußland.«

»Rußland!« Erschrocken fuhr er empor. »Mein Gott, was habe ich gesehen!« Er wandte den Kopf und sah auf seinen Kameraden, der gerade still lag und mit stieren, glänzenden Augen in die Weite sah. »Gréville!« rief er, »mon capitaine!« Aber der hörte ihn nicht, seine Lippen redeten schon wieder im Fieber, angstvoll schrie er auf und fuhr von seinem Lager empor, um dann mit einem Schmerzenslaut wimmernd zusammenzusinken. Der andere seufzte tief, er schaute seine Pflegerin an und wollte sprechen, erzählen. Doch sanft verwehrte es ihm die Frau. »Später, wenn Sie gesund sind, jetzt müssen Sie ruhen,« sagte sie gütig. Da schloß der Kranke wieder seine Augen. Der Ausdruck friedlicher Ruhe breitete sich über seine Züge. »Nicht in Rußland,« murmelte er, »gottlob, nicht mehr in Rußland.«


8. Kapitel.
Freunde werden zu Feinden und Feinde zu Freunden!

Der schweren Nacht folgte ein grauer, trüber Morgen, an dem die Schneewolken fast bis auf die Dächer der Häuser herabhingen. An diesem Morgen sprach Pfarrer Flemming mit seinem Sohne, er versuchte es vergebens, von diesem Verständnis für seine Handlung zu erlangen. Der Knabe stand trotzig vor ihm, und er sagte dem Vater, was er von Hans-Heinrich erfahren hatte. Er sah wohl den Schmerz in den Zügen des geliebten Vaters, er sah diesen leiden, wie gern hätte er, wie sonst, die teure Hand geküßt, aber hatte diese Hand nicht den Feinden die Tür geöffnet – in verstocktem Schweigen wandte er sich ab.

Und als er wieder draußen stand, da wäre er am liebsten umgekehrt und hätte sich an des Vaters Brust geworfen, denn immer lauter wurde die Stimme in ihm, die rief: »Dein Vater handelte, wie er handeln mußte.«

Auf der Treppe begegnete er Luise. Die blieb stehen und sagte bittend: »Walter, sag' doch den Eltern ein gutes Wort! Schäme dich doch, wie kannst du so sein!«

In neu erwachtem Trotz rief er heftig: »Sei still, Mädchen verstehen solche Sachen nicht!«