Doch Luise ließ sich nicht einschüchtern. »Gerade verstehe ich es,« sagte sie ein bißchen hochmütig. »Ich verstehe, daß man Menschen nicht einfach draußen im Frost umkommen läßt, und ich verstehe, daß unsere Eltern die allerbesten, allergütigsten Menschen auf der Welt sind, und daß du – du – ein – dummer Junge bist.« Weg war Luise, und Walter stand allein mit seinem Zorn, seiner Empörung und der immer lauter mahnenden Stimme in seiner Brust.
Luise ging etwas niedergeschlagen zu ihrer Mutter, da war ihr nun mal wieder die Zunge ausgerutscht, und sie hatte es doch gerade gut machen wollen, hatte Friedensengel sein wollen, ach, es war doch recht schwer, immer bedacht und richtig zu handeln!
Gegen Mittag ging Pfarrer Flemming in das Herrenhaus. Frau von Seeheim hatte am Morgen geschickt und die Stunden der Kinder absagen lassen, kein Wort hatte sie hinzugefügt, keinen Gruß gesandt. Als der Geistliche auf den Hof kam, waren die Grüße, die die Leute ihm zollten, kurz, fast verlegen, die Ehrerbietung, die man ihm sonst entgegengebracht hatte, fehlte. Im Flur traf er Renate, die küßte wie sonst seine Hand, aber als er nach Frau von Seeheim fragte, stieg tiefes Rot in das zarte Gesicht des Mädchens, und sie senkte wie schuldbewußt das Köpfchen, als sie dem geliebten Lehrer antwortete: »Frau Tante ist nicht zu sprechen!«
Zurückgewiesen! An der Schwelle des Hauses, in das er so oft als Freund gekommen war, als Tröster in schweren Stunden, da der Tod darinnen weilte, und nun? Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen, ein herbes Wort schwebte ihm auf den Lippen, er rang mit sich, aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. Stolz richtete er sich auf, »so grüße deine Tante, mein Kind,« sagte er, »und behüte dich Gott!« Seine Stimme zitterte ein wenig, einige Augenblicke ruhte seine Hand auf Renates Haupt, dann schritt er ruhig, hochaufgerichtet aus dem Hause, kein Gedemütigter, ein Sieger.
In ihrem Zimmer ging indessen Frau Friederike rastlos auf und nieder. Sie hörte die Stimme des Pfarrers, sie hörte seinen verhallenden Schritt, und sie schämte sich ihres Tuns. Wie klein, wie feige war sie doch gewesen, weil im innersten Herzen ihre harte Tat, ihre vorschnellen Worte sie reuten, hatte sie es nicht gewagt, dem Manne in die Augen zu sehen. Nun ging er, und in dieser Stunde empfand die Frau erst, wie groß die Freundschaft gewesen war, die der Pfarrer und seine Frau ihr dargebracht hatten. Alle die Stunden wurden in ihr lebendig, in denen sie an den beiden gütigen Menschen einen Halt gehabt hatte. Tag und Nacht war die Freundin in allen schweren Stunden bei ihr geblieben, und der Pfarrer war es gewesen, der ihren sterbenden Sohn heimgeleitet hatte. Dennoch fand sie den Weg in das Pfarrhaus nicht, ein falscher Stolz hielt sie zurück, dem Zuge ihres Herzens zu folgen.
Es war ein Leidensweg, den Pfarrer Flemming an diesem Morgen unternahm. Nur finstere, scheue Blicke trafen ihn, kein Händedruck, kein zutrauliches, freundliches Wort wie sonst, nur kurze, mürrische Grüße wurden ihm zuteil. Die Kinder freilich, die kamen und begrüßten ihn so fröhlich wie immer, und niemand verwehrte es ihnen. Und die alte Frau Ragnit, die seit Jahr und Tag ihr Bett nicht mehr verlassen konnte, freute sich auch wie sonst über den Besuch des Pfarrers. Der saß eine Weile bei ihr, sprach freundlich mit ihr von vergangenen Tagen, und als er ging, sagte die alte Frau schlicht: »Herr Pfarrer, rechte Liebe und rechtes Vertrauen kann mal ein bißchen getrübt werden, vergehen tut's aber nicht.«
Der Pfarrer schüttelte ihr die Hand, das gute Wort tat ihm wohl. Draußen traf er dann den Stellmacher Stasiu Wietak, der begrüßte ihn voll Demut, während ein Lachen auf seinem Gesicht lag. Dieser Gruß tat dem Pfarrer weh, denn er wußte, es war nur Schadenfreude. In schmerzliches Sinnen verloren ging er weiter, ging auf der Landstraße hin dem nahen Walde zu.
Zwanzig Jahre hatte er in Kloningken gewirkt, zwanzig Jahre in frohen Stunden und in sorgenvollen Tagen in gleicher Freudigkeit und Treue seinen Beruf erfüllt, und nun vermochte eine einzige Handlung, zu der ihn seine Christenpflicht gedrängt hatte, dieses Band zu zerreißen. Der bitterste Tropfen in diesem Kelch aber war doch, daß der eigene Sohn sein Tun nicht verstand.
Als Pfarrer Flemming wieder die Schwelle seines Hauses überschritt, da stand Luise mit dem kleinen Fritz an der Tür, und mit einem Jubelruf eilten beide dem Heimkehrenden entgegen. Frau Charlotte, die wohl ahnte, daß es ein schwerer Gang sein würde, den ihr Mann gegangen war, hatte zu Luise gesagt, sie solle dem Vater entgegengehen.
Diese nahm den kleinen Bruder zur Hand und sagte, die Mutter verstehend: »Komm, Fritzchen, wir wollen Vater empfangen und ihn recht, recht lieb haben, wenn er heimkommt!«