Aufatmend schloß der Pfarrer seine Kinder in die Arme, und Hand in Hand ging er mit ihnen in das Haus, wo die Mutter sie schon erwartete.

»Charlotte, mein treues Weib,« rief er mit bewegter Stimme, »in dieser Stunde bin ich arm geworden, und doch, welchen Reichtum hat mein Heiland mir gelassen!« Mit klaren Augen trat er dann an die Betten der Kranken, liebevoll verband er frisch ihre Wunden, die sollten es nie fühlen, was er um ihretwillen zu leiden hatte.

Die Tage gingen. Im Pfarrhaus schlichen sie trübe dahin; die beiden Kranken lagen noch immer schwer danieder und der ältere von beiden wurde von Tag zu Tag schwächer. Einen Arzt zu erlangen war nicht möglich gewesen, die Wege waren verschneit und der alte Wundarzt im nahen Städtchen unternahm nicht mehr solche beschwerlichen Fahrten. Der Pfarrer mußte daher allein, so gut er konnte, die Behandlung führen. Der jüngere Kranke war zwar unendlich schwach, aber seine Wunden begannen zu heilen und sein Geist war klar. Einmal, als der Geistliche an sein Bett trat, sah er ihn lange forschend an und sagte dann mit matter Stimme:

»Haben wir uns nicht schon gesehen?«

Prüfend blickte der Pfarrer in das junge abgezehrte Gesicht; wo war er nur diesem Mann schon begegnet?

Da sagte der junge Mann leise: »Im Sommer, als wir nach Rußland zogen, kamen wir in ein Gutshaus, da waren Kinder, mit denen ich sprechen wollte, ein schwarzlockiger Knabe antwortete mir so trotzig und mutig, ich habe die Szene nicht vergessen.«

»Mein Sohn war es und drüben im Herrenhaus geschah es, jetzt erinnere ich mich.« Er sah erschüttert auf den Kranken nieder, dieser elende, sieche Mensch war jener stattliche, blühende Offizier. »Sie haben schwere Tage hinter sich,« sprach er mitleidig.

»Schwer, nein, grauenvoll, furchtbar, o mein Gott, was habe ich gesehen und was gelitten,« rief der junge Offizier. »Wenn jener nicht gewesen wäre,« er deutete auf seinen Nachbar, »ich läge heute auch erfroren auf Rußlands Eisfeldern, dieser aber war ein guter Kamerad, er half mir vorwärts, er war zäher als ich.« Und halblaut, in schmerzlichem Erinnern sprach er weiter:

»Frierend, hungernd, so sind wir die Straße heimwärts gezogen, wir brauchten keinen Wegweiser, die Leichen unserer Kameraden, die niedergebrannten Dörfer zeigten uns den Weg. Als wir auszogen, waren wir eine große glänzende Armee, und zurückgekehrt sind wir als ein Häuflein elender, zerlumpter, verzweifelter Menschen. Keine Ordnung und Zucht herrschte mehr, wer sich zusammenfand, der ging zusammen, keiner wußte, wo sein Regiment war, wer noch davon lebte. Wir waren sechzig, die wir uns so zusammengefunden hatten, als wir über das Schlachtfeld von Smolensk zogen, vor Wilna waren wir noch zwölf, kaum wußten wir, wo die andern geblieben waren. Manchmal sah man einen Kameraden taumeln, niederfallen, und gleichgültig trotteten wir weiter, helfen konnten wir nicht, so zogen wir müde und stumpf unseres Weges. Manchmal lagerten wir uns am Abend, wenn wir das Glück hatten, Holz zu finden, um uns ein Feuer zu machen, und wenn wir beim Tagesgrauen aufstanden, da lagen wohl etliche Kameraden erfroren da.« Er schöpfte einige Minuten Atem und starrte finster vor sich hin, dann fuhr er leise, müde fort:

»Zuletzt verloren Kapitän Gréville und ich die Richtung, ein furchtbares Schneegestöber trieb unser Häuflein auseinander, wir wanderten weiter und weiter, es war ein anderer Weg. Anfangs mieden wir noch die Dörfer, die wir liegen sahen, denn wir wußten, die Russen marterten die unseren erbarmungslos zu Tode. Zuletzt verloren wir in einem Walde den Weg vollständig, wir irrten planlos umher, es dämmerte schon, als wir einen Weg darin fanden, und an diesem – einen Wegweiser. Wir lasen deutsche Namen, und wir haben geweint wie Kinder vor Freude, unser Mut hob sich, und wir wanderten weiter, wie lange, ich weiß es nicht mehr. Ich war so erschöpft, daß ich nur noch taumelte, da sahen wir ein Licht, ich hörte Stimmen, und da verlosch das Licht wieder, ein anderes tauchte auf, dann verlor ich das Bewußtsein – als ich erwachte, war ich hier.«