Der Kranke sank erschöpft zurück, und ein Blick unendlicher Dankbarkeit traf den Pfarrer. »Hier ist es gut, ach so warm und still!« Als Frau Charlotte an sein Bett trat, faßte er nach ihrer Hand. »Ich habe daheim eine Mutter,« sagte er leise, »sie blieb in Trauer zurück, als ich fortzog, aber ich mußte ja mit, ich ein Deutscher,« und heiß rollten ihm die Tränen über die Wangen. Da schrie sein Nachbar auf: »Les Cosaques, les Cosaques!« und leiser, »mon camarade, frierst du?«

»Mein bester Freund, mein Retter war ein Franzose,« sagte der junge Offizier, die fieberheiße Hand des anderen in die seine nehmend.

Tag um Tag verging. Im Pfarrhaus war es viel stiller als sonst, denn von den Dorfbewohnern kam niemand, um sich dort Rat oder Hilfe zu erbitten. Der Pfarrer selbst ging, wie er es immer getan hatte, auch jetzt täglich zu einigen Kranken, die hießen ihn willkommen, an ihren Betten merkte er nichts von dem Groll, den man gegen ihn hegte. Freilich, wenn er durch die Dorfstraße ging, fühlte er, wie groß die Kluft geworden war, die ihn von seiner Gemeinde trennte.

Auch im Herrenhaus war es stiller als sonst. Frau Friederike ging stumm und finster einher, sie sprach nie von den Bewohnern des Pfarrhauses. Renate war bedrückt, und oft verrieten ihre roten Augenlider, daß sie geweint hatte. Hans-Heinrich aber zog es nach dem Pfarrhaus, und doch wollte er seine Mutter nicht kränken, die zwiespältige Stimmung machte auch ihn still und scheu, er blieb am liebsten allein auf seinem Zimmer. Seine Mutter empfand schmerzlich diesen Zwiespalt, und sie hatte doch nicht den Mut, offen ihre Schuld einzugestehen.

In diese trübe Stille hinein kam eines Tages der Freiherr Franz von Seeheim und brachte eine Kunde, die die Herzen höher schlagen ließ. General von York hatte am 30. Dezember mit den Russen einen Vertrag zu Tauroggen geschlossen, hieß der König ihn gut, so war er einer Kriegserklärung an Napoleon gleich. Kein Jubel wurde laut, aber wie ein Aufatmen ging es durch das preußische Land. Vom Herrenhaus zu Kloningken aus verbreitete sich die Kunde rasch im Dorfe, es war am Freitag in der Dämmerung, als Vogt Schwarze sie von Haus zu Haus trug, und bald standen die Leute zusammen und redeten von der kommenden Zeit.

Herr von Seeheim erfuhr auch von seiner Base die Tat des Pfarrers, »er hat recht gehandelt,« sagte er ruhig. Frau Friederike fuhr auf. »Du verteidigst also auch diese vaterlandslose Tat?« rief sie, und eine leise Angst klang in ihrer Stimme.

»Zwei verirrte, halbtote Flüchtlinge aufnehmen, ist Christenpflicht und keine vaterlandslose Tat; kannst den Pfarrer grüßen und ihm sagen, er hätte recht getan, liebste Base. Und nun gehab dich wohl, ich muß fort, so gern ich noch im Pfarrhause vorspräche und mir die Flüchtlinge anschaute,« sagte der Freiherr gelassen, dann ritt er davon. Hätte er geahnt, wie tief die Erbitterung gegen den Geistlichen war, er hätte sicher noch trotz aller Eile den Umweg gemacht und dem Flemmingschen Ehepaar einen Besuch abgestattet.

Im Dorf Kloningken aber wurde es lebhaft besprochen, daß auch der Freiherr von Seeheim diesmal nicht wie sonst im Pfarrhaus eingekehrt war. Man fand nur die Erklärung, daß auch der Schönheider Herr die Tat des Pfarrers verurteilte, und immer tiefer wurde die Erbitterung gegen diesen im Dorf. Als am Abend die Männer versammelt waren, da drängte sich Stasiu Wietak vor und rief: