»Seid ihr Männer, und duldet es, daß hergelaufenes französisches Gesindel Aufnahme im Dorf findet, wir brauchen es nicht zu dulden; wir haben das Recht, den Pfarrer zur Rede zu stellen. Laßt euch nicht von euern Weibern bereden, daß es eine gute Tat ist, Sünde ist es, sage ich. Seht die gnädige Frau, unsere Wohltäterin, an, sie ist auf unserer Seite, und der Schönheider Herr auch.«

»So mag die gnädige Frau sprechen,« sagte Franz Strobeck bedächtig, und einige Gutgesinnte stimmten ihm zu.

»Nein, einer von uns muß es sein, einer mag am Sonntag nach der Predigt aufstehen und Rechenschaft fordern. Dem Pfaffen muß es eingetränkt werden,« schrie Stasiu Wietak erbost.

Die andern schwiegen. Einzelne Stimmen wurden laut, die für den Pfarrer sprachen. Michael Ragnit schlug vor, zwei sollten in die Pfarrei gehen und mit dem Geistlichen sprechen, »er war immer gut und unser Freund,« ermahnte der Bauer.

Der Stellmacher aber erhob wieder seine Stimme; er sprach so lange und eindringlich, bis es ihm gelang, daß man ihn zum Sprecher wählte. Aber erst sollte er am nächsten Morgen im Herrenhaus fragen, ob die gnädige Frau einverstanden sei. Das versprach er, und er ging am nächsten Morgen wirklich hin und brachte die Einwilligung Frau von Seeheims. Daß er damit eine Lüge gesagt hatte, das erfuhren die Bauern erst, als der Sonntag längst vorbei war.


9. Kapitel.
Demoiselle Karoline sieht einen Geist.

Am gleichen Tage saß Renate in ihrem Zimmerchen. Das war so einfach, daß manches adlige Fräulein von heute wohl verwundert dreinschauen möchte, wenn man ihr zumutete, das Zimmer als das ihre zu betrachten. Das blütenweis überzogene Bett, ein einfacher Tisch, ein Stuhl und eine große buntgemalte Truhe bildeten die Einrichtung. Über dem Bett hingen in schmalem Goldrahmen zwei auf Elfenbein gemalte Bildchen, die Renates Eltern darstellten, darüber ein zierlich in bunten Farben ausgeführter, durch allerlei Blumen und Schnörkel verzierter Spruch: »Sei getreu bis in den Tod.« Dies Blatt stammte von ihrer Mutter, die noch kurz vor ihrem Tode die mühsame Arbeit vollendet hatte, sie bildete nun der Tochter größten Schatz.