Renate saß still, die Hände gefaltet, und sah durch das Fenster. Weit und weiß dehnte sich die Landschaft vor ihren Blicken aus, und der Wald, der sich rechts vom Gute hinzog, wirkte wie eine schwere, dunkle Wolke in der Ferne. Düster hoben sich die Häuser des Dorfes und die Wirtschaftsgebäude aus dem weißen Schneebett heraus, ein rötlicher Feuerschein schwebte über dem einen, dort war die Schmiede, und manchmal klangen die Schläge, die Franz Strobeck auf dem Amboß führte, bis zu dem einsamen Mädchen hin. Renate hörte nicht darauf. Ihre Gedanken gingen immer wieder schmerzlich und sehnsuchtsvoll den Weg vom Herrenhaus zum Pfarrhaus. Am Morgen hatte sie versucht, die Tante mit freundlichem Wort umzustimmen, und von ihr die Erlaubnis zu einem Besuch im Pfarrhaus zu erhalten, aber ihre Bitte war vergebens gewesen. Frau von Seeheim verharrte in ihrem Groll. Sie schämte sich, ihr Unrecht einzugestehen, schämte sich, den treuen Freunden die Hand zu reichen und zu sagen: »Ihr tatet recht, ich war ungerecht und hart.«

Renate litt schwer unter dieser Entfremdung. Sie fühlte das Unrecht und konnte es doch nicht hindern. Ihr Herz hing an den Bewohnern des Pfarrhauses, Frau Charlotte war ihr mehr eine Mutter als die Tante. Und sie sehnte sich nach allen da in dem schlichten, weißen Haus. Und durch nichts konnte sie ihre Liebe, ihre Treue beweisen, durch nichts ihnen in diesen schweren Tagen eine Freude bereiten. »Wäre ich wie Luise mit ihren Einfällen, ich hätte sicher schon einen Weg gefunden, dieses zu tun,« dachte sie. Aber ungehorsam gegen die Befehle ihrer Tante zu sein, wagte sie nicht. Sie war auf ihren Gängen nach dem Dorf freilich schon mehrere Male dicht am Pfarrhaus vorbeigehuscht, mit der leisen Hoffnung, jemand zu sehen. Einmal hatte sie sogar ein Weilchen still am Gartenzaun gestanden, aber sie hatte niemand von den Bewohnern des Hauses erblickt.

Die Sonne war längst untergegangen und die langen Schatten des Abends sanken herab. Hier und da blitzte ein Licht auf, das unten im Dorfe angezündet wurde, auch Renate nahm einen langen Span und kniete vor dem kleinen eisernen Gestell nieder, auf dem ein eiserner Topf, mit glühendem Torf gefüllt, stand, als Ersatz eines Ofens. Der Span flackerte hell auf, und rasch entzündete sie ein kleines Öllämpchen. Plötzlich wurde leise, vorsichtig die Tür geöffnet und eine dunkle, verhüllte Gestalt glitt hinein. Renate sprang erschrocken auf, aber schon belehrte ein leises Kichern sie, daß es ein ungefährlicher Eindringling war, und Luises lachendes, rosiges Gesichtchen sah ihr aus der Umhüllung entgegen. »Ich mußte warten, bis es dunkel ist, die Frau Tante sollte mich nicht sehen, weil sie so böse ist,« sagte sie wie zur Entschuldigung, und dann fiel sie der Freundin um den Hals, und unter hervorbrechenden Tränen stammelte sie: »Ach, es ist schrecklich, Renate!«

Diese strich ihr sanft das wirre Haar aus der Stirn. »Liebe kleine Luise, wie bist du denn hereingekommen?«

In dem beweglichen Gesichtchen der Kleinen kämpfte schon das Lachen mit den Tränen, und sie sprudelte hervor: »Wie ein Räuber bin ich eingeschlichen, weißt du, hinten an dem Gartenzaun bei dem Freundschaftstempel ist eine Lücke, da durch, dann immer am Zaun entlang auf der Erde gekrochen, dann husch, hinten bei der Küche vorbei ins Hans, die kleine Hintertreppe herauf, kein Mensch hat mich gesehen, ach, es war eigentlich sehr schön.«

Nun mußte auch Renate lachen. »Du bist doch ein rechter kleiner Kobold,« sagte sie, »aber rasch erzähle, wie es bei euch daheim geht.« Sie zog die Freundin neben sich auf die Truhe, und beide Mädchen hüllten sich in das große Tuch, das Luise umhatte, denn es war kalt geworden in der Kammer. »Wird auch nicht die Frau Pate heraufkommen?« fragte Luise ängstlich.

Aber die Freundin schüttelte den Kopf, »sie ist böse mit mir und hat mir geboten, oben zu bleiben.« Ihre Stimme zitterte, und Luise schmiegte sich zärtlich an sie an und streichelte tröstend ihre Wangen. Dann begann sie von den Vorgängen im Pfarrhaus zu erzählen, flüsternd, damit ihre Stimme nicht im Hause gehört wurde: »Ach Renate, du weißt gar nicht, wie traurig es bei uns ist, Vater und Mutter sehen so betrübt aus, und der dumme Walter.«

»Luise!« Renate war rot geworden vor Entrüstung, aber die Freundin ließ sich in ihrer schwesterlichen Erkenntnis nicht beirren, sie fuhr gelassen fort: »Ja, dumm ist er, ich bin ihm so gram, er geht mit einem so trotzigen Gesicht umher und ist noch nicht einmal bei den beiden Kranken gewesen, und die haben doch so viele Schmerzen. Der eine ist ein Deutscher, denke nur, und könntest du nur sehen, wie froh er aussieht, wenn Vater oder Mutter kommen, der andere redet immer im Fieber, und Vater sagt, er wird wohl sterben.« Luise schluchzte auf, »es ist zu schrecklich!« Sie rückte noch dichter heran. »Ich habe gehört wie Herr von Lühenaar, so heißt der Deutsche, aus Rußland erzählt hat, o, es war furchtbar. Ich sollte es nicht hören, aber Renate schilt nicht, ich habe gehorcht. Mutter hat mich nachher weinen sehen, und als ich gesagt habe warum, da hat sie auch nicht gescholten. Ach, wenn doch nie mehr Krieg käme, ich weine jeden Tag, wenn ich daran denke.«

Sie brach in Tränen aus und Renate weinte mit. Eine unbestimmbare Angst vor kommendem Unheil lag auf ihnen, und beide umschlangen sich und die Tränen der einen feuchteten die Wangen der andern. Endlich raffte sich Renate auf, und sich zu einem Scherz zwingend, sagte sie mit einem halben, etwas trübseligen Lächeln: »Du wolltest doch immer mit in den Krieg ziehen, wie Johanna von Orleans.«