Luise schüttelte ernsthaft den Kopf, mit einem ihr sonst fremdem Ernst sagte sie: »Nun nicht mehr, wenn ich daran denke, ich sollte so viele Menschen um mich her tot oder verwundet sehen, dann erfaßt mich eine große Angst. Lieber möchte ich wie meine Mutter werden, so gut und sanft, so geduldig die armen Männer pflegend.«
»Ja,« erwiderte Renate, »das möchte ich auch. Es muß schön sein, helfen zu können, Schmerzen lindern zu dürfen.«
Eine Weile saßen die Mädchen stumm beieinander. Gute, feierliche Gedanken bewegten ihre jungen Seelen, und der Wunsch nach segensvollem Tun sproßte in ihnen auf wie die Knospen im Frühling. Endlich begann Luise wieder: »Du weißt doch, daß der arme Vater so traurig ist, weil die Frau Tante und alle Leute im Dorf böse mit ihm sind. Ach, ich weiß es wohl, und ich habe immer gedacht, ich möchte ihm eine Freude machen, nun ist mir etwas eingefallen. Du weißt doch, Vater hört uns so gern singen, wollen wir nun nicht Sonntag in der Kirche unseren neuen Psalm singen? Du, ich und vielleicht Hans-Heinrich, wenn der nicht so dumm ist wie Walter. Sage, Renate, ist mein Plan nicht schön, wird Vater sich nicht freuen? Der Magister ist auch einverstanden, ich war vorhin bei ihm, er sagte, es werden vielleicht recht wenig Leute in die Kirche kommen, und darum wird Vater doppelt froh darüber sein. Sag doch ja, warum schweigst du?«
»Dein Vorsatz ist sehr schön,« sagte Renate mit gepreßter Stimme, »und gewiß würde dein Vater eine herzliche Freude an unserem Gesang haben, aber – wenn – du weißt doch, Tante Friederike, – sie wird es sicher nicht gestatten.«
Luise war ganz erschrocken, sie jammerte betrübt: »Daran habe ich ja nicht gedacht, und ich hätte so gern meinen Vater erfreut.« Sie begann wieder heftig zu weinen, und Renate wurde das Herz schwer, als sie den Schmerz der kleinen Freundin gewahrte. »Luischen,« bat sie, »höre doch auf zu weinen, wenn Hans-Heinrich ja sagt, will ich wohl sehen, dir deinen Willen zu tun, sei nur oben bei der Orgel. Wenn wir singen, bitte ich noch vorher den Magister, du kannst doch deine Stimme sicher?« – »O, gewiß doch,« rief Luise rasch getröstet, sie begann gleich mit ihrer hellen Stimme zu intonieren: »Befiehl –«
Erschrocken hielt ihr Renate den Mund zu. »Wenn dich jemand hörte,« sagte sie vorwurfsvoll.
Luise steckte vor Schreck den Kopf gleich in das graue Tuch, dann sagte sie ein wenig ängstlich: »Ich will lieber gehen, sonst kommt am Ende die Frau Tante doch noch, und das wäre schrecklich!« Sie hüllte sich wieder in ihr dunkles Tuch, öffnete die Tür und lauschte auf den weiten Flur hinab, ob jemand käme. »Renate,« flüsterte sie, »wenn mich jetzt jemand erblickt, gebe ich mich als Gespenst der seligen Frau Berta von Seeheim aus, weißt du, von der sie sagen, sie sei so böse gewesen, daß sie keine Ruhe im Grabe fände.«
»Du bist ein nettes Gespenst,« sagte Renate mit leisem Lachen. »Brr, wenn es solche zappeligen Gespenster gäbe!«
Luise kicherte leise vor sich hin, während ihr noch die Tränen an ihren Wimpern hingen. Sie nahm zärtlichen Abschied von der Freundin, dann huschte sie den Gang entlang. An der Treppe stand sie wieder horchend still, aus der Küche klangen lebhafte Stimmen, aber noch brannte kein Licht im Flur. Luise preßte die Hände an ihr klopfendes Herzchen, vorsichtig stieg sie Stufe um Stufe herab. Da knarrte eine derselben so laut, daß das Mädchen meinte, alle im Hause müßten es hören, aber es regte sich nichts. Sie unterschied jetzt deutlich die laute Stimme Jungfer Karolinens in der Küche, die anscheinend wieder eine Geschichte aus ihrer glorreichen Vergangenheit erzählte, Luise hielt an sich, um nicht zu lachen, am liebsten hätte sie jetzt die Tür geöffnet und mit einem tiefen Knicks die Demoiselle begrüßt. Aber wieder knarrte eine Stufe, und nun schwiegen drinnen die Stimmen. Da bekam sie Angst und eilte mit einigen hastigen Sätzen die Treppe hinab und verschwand gerade in dem kleinen dunkeln Gang, der sie noch von dem Ausgang nach dem Garten trennte, als Jungfer Karoline die Tür öffnete. »Alle Heiligen,« rief diese, erschrocken die Hände zusammenschlagend, »ein Gespenst!«
In diesem Augenblick hatte Luise draußen die Tür erreicht, neben der einiges Gartengerät stand, an das das Mädchen in seiner Hast stieß, es klirrte und rasselte laut, und Luise erschrak selbst über das Gepolter.