»Ein Gespenst, ein Gespenst, huhu,« kreischte die Jungfer, und die Mädchen kamen eilig aus der Küche zu ihrer Hilfe herbei. Wanda, die Zweitmagd, ergriff resolut eine kleine Öllampe, um zu leuchten, aber schon war Luise längst in Sicherheit, und sie kroch vorsichtig am Gartenzaun entlang.

Jungfer Karoline aber wankte schreckensbleich in die Küche, und da sie bei ihrer früheren Herrin mitunter eine Ohnmacht gesehen hatte, fand sie es angebracht, auch eine zu bekommen. Sie sank ächzend auf einen Stuhl, legte den Kopf hintenüber, streckte Arme und Beine steif aus und schloß die Augen.

Die Mägde waren ganz verblüfft über das sonderbare Gebaren, da sagte Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, die zum Besuche in der Küche weilte: »Dem Jungferchen ist der Verstand alle geworden, man rasch ein Topchen Wasser und ihr auf das linke Fußchen treten!«

Ehe nun Demoiselle Karoline Einspruch gegen solche Behandlung erheben konnte, hatte Wanda, die Zweitmagd, ihr einen Schöpfeimer Wasser über den Kopf gegossen und Stine Strobeck ihr kräftig auf den Fuß getreten.

Die freundlichen Helferinnen waren äußerst erstaunt, wie schnell der Jungfer der Verstand wiederkehrte. Sie sprang wie besessen empor und schwapp hatte Wanda einen Schlag auf der Backe, daß sie sich vor Schreck gleich hinsetzte. Die Schmiedsfrau aber bekam eine Flut Schimpfworte zu hören, die nicht gerade reichsgräflich klangen. Mit der Jungfer war nicht zu spaßen, und ein richtiges Gespenst wäre vielleicht vor ihr ausgerissen, wenn es das Schelten gehört hätte. Stine Strobeck schaute mit richtiger Bewunderung drein, und ihr Respekt vor der Jungfer wuchs beträchtlich.

Als sich die Erregung über diesen Zwischenfall etwas gelegt hatte, kam nun wieder das Gespenst an die Reihe. »Große, glühende Augen hat es gehabt,« erzählte die Jungfer, »wie mit Ketten hat es gerasselt,« setzte Mareiken, die Küchenmagd, hinzu. Alle waren sich darüber einig, daß nun sicher ein Unglück geschehen müsse. »Es hilft nun nichts, es muß und muß was passieren,« sagte die Jungfer. An diesem Abend wurde in der Küche des Kloningkener Herrenhauses, als nach dem Nachtessen die Mägde saßen und spannen, von nichts weiter gesprochen als von dem Schloßgespenst, und eine wußte immer noch schaurigere Geschichten als die andere zu erzählen.

So ohne Hindernis kam Luise freilich nicht in ihr Elternhaus zurück: Kurz ehe sie dieses erreichte, prallte sie mit jemand zusammen, und auf einmal hatte Hans-Heinrich seine Arme um sie geschlungen.

»Luischen, habe ich dich endlich!« jubelte er auf, als er die Freundin umfaßt hatte. Diese, glücklich über die Begegnung, erzählte ihm in übersprudelnder Eile, wo sie gewesen, was geschehen sei und was sie tun wollte. Wie ein Wasserfall ging es. Und Hans-Heinrich rief mitten drin lachend: »Sag' doch, Luise, soll Jungfer Karoline singen oder wir? Du redest ja alles untereinander!«

Und Luise lachte und schwatzte weiter. Sie standen beide am Eingang des Pfarrgartens, mitten im Schnee, und hielten sich an den Händen gefaßt, sie fühlten nicht die Kälte, nicht den scharfen Wind, der von Osten her wehte, sie fühlten nur die Freude, einander wiederzuhaben. Als Luise endlich heimkehrte, da nahm sie das feste Versprechen Hans-Heinrichs mit, er wollte alles tun, seine Mutter zu versöhnen, und er wollte auch am Sonntag den Psalm mit ihr und Renate singen.