Mit leichterem Herzen betrat Luise das Haus. Nur der kleine Fritz hatte ihre lange Abwesenheit bemerkt und empfing sie ziemlich ungnädig, er mochte es gar nicht sehr leiden, wenn sich die große Schwester nicht um ihn kümmerte. Sie nahm rasch den Kleinen auf den Schoß und erzählte ihm eine lustige Geschichte, und beide Kinder lachten hell darüber, da trat die Mutter in das Zimmer und gebot ihnen ernst, sie sollten stille sein. Luise sah betroffen auf, eine Frage wagte sie nicht, aber die Mutter verstand ihren Blick und sie sagte: »Es steht schlecht mit unserem Pflegling; darum haltet euch ruhig, damit er nicht gestört wird.«
10. Kapitel.
Liebet eure Feinde.
Der Sonnabend war gekommen. Pfarrer Flemming saß in seinem Studierzimmer, er arbeitete an der Predigt für den Sonntag; noch nie in den langen Jahren seiner Amtsführung war ihm dies so schwer geworden wie an diesem Tag. Immer und immer wieder strich er das Geschriebene durch, starrte vor sich nieder und begann von neuem.
Im Hause herrschte Stille. Frau Charlotte vermied in den Stunden, da ihr Mann bei seiner Arbeit war, jedes unnötige Geräusch; am liebsten saß sie freilich neben ihm an dem kleinen Tisch am Fenster und nähte. Heute jedoch hielt ihre Pflicht sie in dem Krankenzimmer zurück, und unermüdlich sorgte sie für das Wohl ihrer Schützlinge. Der jüngere Offizier, ein Souslieutenant, ein geborener Bayer, war bereits auf dem Wege der Besserung, wenn auch noch Wochen vergehen konnten, bis seine Wunden völlig geheilt waren. Sein Kamerad dagegen, ein Voltigeurkapitän, erwachte nur immer auf kurze Augenblicke aus seinen wilden Fieberträumen, die dann wieder mit erneuter Heftigkeit einsetzten. Immer kürzer und pfeifender wurde sein Atem und immer geringer seine Lebenskraft. Er wimmerte, daß das Feuer ihn verbrenne, dann stöhnte er wieder: »Ich erfriere, ich kann nicht weiter, ich bin so müde.«
Frau Charlotte hatte den Leutnant in einer anstoßenden Kammer unterbringen wollen, aber sie hatte seinen flehenden Bitten, ihn nicht von seinem Gefährten zu trennen, nachgegeben.
Gegen Abend ließ dessen Fieber plötzlich nach. Mit seltsam klaren Augen schaute der Kranke um sich, er erkannte seinen jungen Waffenbruder; »oh mon bon camarade,« sagte er und streckte diesem mit sichtlicher Anstrengung seine Hand hin.