Als Charlotte Flemming zu ihm trat, sah er sie lange groß und erstaunt an; fragend irrten seine Augen im Zimmer umher, seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, aber er war zu schwach, und er schloß wieder die Augen. Sanft strich ihm Frau Charlotte über die feuchte Stirn, da lächelte der Kranke matt, und mit diesem friedlichen Lächeln schlief er ein, um nie mehr zu erwachen. Sein Kamerad preßte stumm den Kopf in die Kissen, er wollte die Tränen nicht sehen lassen, die ihm heiß aus den Augen strömten. Aber als seine gütige Pflegerin zu ihm trat, linde tröstende Worte sprach, da schluchzte er auf: »Ich habe meinen besten Freund verloren!«

Sie betteten ihn in eine kleine stille Kammer, ihn, der so sanft im fremden Lande schlief. Lange stand Pfarrer Flemming mit seiner Frau an dem Lager. Dann hob er den Kopf, und ein beinahe freudiger Klang war in seiner Stimme, als er sagte: »Nun weiß ich, Charlotte, was ich meiner Gemeinde sagen will!«

Walter wurde sehr bleich, als seine Mutter ihm den Tod des so bitter gehaßten Feindes mitteilte. Er wollte sprechen, und er brachte doch kein Wort heraus. Er hatte den fremden Mann, der in seinem Vaterhause gestorben war, nie gesehen, und doch fühlte er dessen Tod wie eine Last. Er wäre seiner Mutter am liebsten um den Hals gefallen und hätte sich ausgesprochen, denn in ihm war alles unklar und verwirrt, aber wieder schlossen Trotz und falsche Scham ihm den Mund. Beim Gutenachtgruß küßte er ehrerbietig der Eltern Hand, ein Weilchen stand er noch zögernd, aber die Bitte um Verzeihung, das Bekenntnis, daß er unrecht getan hatte, kam nicht über seine Lippen.

Luise weinte so lange, bis der Schlaf ihre Tränen trocknete. Der kleine Fritz, dem es ängstlich ums Herzchen war in dieser traurigen Stille, kam zu der geliebten Schwester ins Bett gekrochen. Er schmiegte sich dicht an sie an und bettelte um eine Geschichte. Weil aber die Schwester nur immer leise weinte, entschloß er sich, ihr zum Trost, selbst eine Geschichte zu erzählen. Er fing das wunderschöne Märlein vom Dornröschen an, aber der böse Sandmann kam und streute so viel Sand in des Fritzels Augen, und so kam der Prinz nur gerade in das Schloß hinein, was drinnen geschah, erfuhr an diesem Abend die Schwester nicht. Der Kleine lallte: »Und der Prinz gingte hinein, er gingte, und da – und da –« Und da schlief der Fritz schon fest. Auch Luises Augen schlossen sich. Als kurz darauf die Mutter kam, da fand sie die Kinder lieblich schlafend, auf den rosigen Wangen des Mädchens waren noch die Spuren der vergossenen Tränen zu sehen.

Bis tief in die Nacht hinein strahlte ein Licht aus dem Pfarrhaus in die winterliche Stille hinaus. Schon begannen die Sterne zu verblassen, als Pfarrer Flemming endlich seine Feder niederlegte und sich zu seiner Frau wandte, die treu die Nacht bei ihm ausgehalten hatte. »Ich bin fertig, Charlotte, Gott gebe, daß es gut ist, daß ich die rechten Worte gefunden habe, und daß sie zu den Herzen meiner Gemeinde und meines Sohnes dringen mögen!«

Klar und hell brach der Sonntagmorgen an. Die Sonne überstrahlte das winterliche Land, das weiß und still in seinem Feierkleide dalag. Alle Arbeit ruhte, und die Dorfstraße, auf der sich sonst die Kinder gern mit lautem Geschrei tummelten, lag verlassen da.

Nun erhob die Glocke des Kirchleins ihre Stimme, rufend, mahnend, und Türe auf Türe tat sich auf, und aus allen Häusern eilten die Menschen zur Kirche. Sie kamen alle ein bißchen rascher als sonst, alle etwas unruhig und aufgeregt, und mancher Blick ging schon den Weg zum Pfarrhaus entlang. Auf dem kam Frau Charlotte mit ihren Kindern. Luise und Fritz gingen an der Hand der Mutter, und Walter schritt mit gesenktem Haupte hinter ihnen her. Ihm wurde das Herz immer schwerer auf diesem Gange. Auch aus dem Herrenhause kam Frau von Seeheim mit Knechten und Mägden, Hans-Heinrich hatte die Mutter darum gebeten, und die Mutter hatte zu seiner Verwunderung sehr rasch eingewilligt. Sie hatte auch keine Einwendung gemacht, als die Kinder um die Erlaubnis baten, ob sie nicht oben auf dem Chor bei Magister Richter sitzen dürften.

Überrascht blickte Pfarrer Flemming auf die zahlreich erschienene Gemeinde, er sah die Unruhe und Erwartung in den Augen, er sah auch, wie Stasiu Wietak keck und herausfordernd auf seinem Platze saß, und wie manche ängstlich zu dem Stellmacher hinsahen. Da richtete er sich stolz auf, frei und offen ruhte sein Blick auf seiner Gemeinde, keine Unsicherheit, kein Schwanken war in seiner Stimme, als er begann: