»Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen, tuet wohl denen, die euch hassen, so spricht unser Heiland zu uns, und ich, der ich mich seinen Diener nennen darf, stehe heute vor euch, meiner geliebten Gemeinde, und will mich rechtfertigen, warum ich nach diesen Worten unseres Heilands handelte.«
Einige der Bauern rückten unruhig auf ihrem Sitze hin und her. Frau Friederike neigte tiefer den Kopf, und Stasiu Wietak, der Stellmacher, wollte sich erheben, aber die derbe Faust Michael Ragnits hielt ihn zurück. »Schweig!« herrschte der ihn an. Sekundenlang ging es wie ein leises Raunen durch die Kirche, dann trat wieder tiefe, atemlose Stille ein, und der Geistliche fuhr fort:
»In der Nacht, da dieses neue Jahr begann, da kamen hilflos, halbtot, zwei verirrte Wanderer zu mir, und ich nahm sie auf, weil es meine Christenpflicht war. In jener Stunde durfte ich nicht denken, sind es Franzosen, denen du hilfst, in jener Stunde waren sie meine leidenden Brüder, denen ich meine Hand nicht versagen durfte. Heute nacht ist einer jener beiden allem Erdenleid entrückt, er steht vor unserem himmlischen Richter. Sein letztes Wort war ein Wort der Liebe für seinen Kameraden, und dieser, den er durch seine Treue vor einem elenden Tode bewahrte, ist ein Deutscher wie ihr und ich. Er ist einer deutschen Mutter Sohn, die daheim wohl in Leid und Angst ihres Ältesten gedenkt; ein Deutscher, der unsere Sprache spricht, den die Pflicht zwang, unter fremden Fahnen zu dienen. Ich vermag euch nicht die unsäglichen Leiden zu schildern, die die große Armee, die wir im Frühjahr hier durchziehen sahen, in Rußland erduldet hat. Meine Sprache ist nicht beredt genug, um für diesen Jammer, dieses ungeheure Elend Worte zu finden. Von denen, die ausgezogen, sind wenige heimgekehrt, heimgekehrt als Bettler, Flüchtlinge. Wir sind Deutsche, wir sehen darin eine Vergeltung Gottes, und dankbar blicken wir zu ihm auf, der uns in dunkler Nacht die Morgenröte der Hoffnung aufgehen läßt. Aber unser Gefühl, unsere Liebe zu unserem Vaterland darf nicht das Mitleid für den Menschen, sei es, wer es sei, der Hilfe heischend zu uns kommt, ertöten. Der ist kein Vaterlandsverräter, der das Wort unseres Heilandes zu seinem eigenen macht: ›Liebet eure Feinde!‹ Forderte heute mein Vaterland meinen Sohn von mir, mit blutendem Herzen, mit segnendem Munde würde ich ihn ziehen lassen und sagen: ›Gehe hin und tue deine Pflicht!‹ Und klopfte am gleichen Tage ein verirrter, hilfloser Feind an meine Tür, ich müßte ihm öffnen. Das Wort, ›Liebet eure Feinde‹, darf in eines Christen Herz kein toter Klang sein, ins Leben müssen wir es übertragen, mag es uns auch noch so schwer werden. Und wenn ihr mich alle darum verachtet, heute, morgen, alle Tage will ich barmherzig sein gegen den Franzosen, der meiner Hilfe bedarf. Zwanzig lange Jahre habe ich unter euch gelebt, zwanzig Jahre Freude und Sorge mit euch geteilt. Ihr kennt mein Herz, und ihr wißt, daß ich tief die Schmach meines Vaterlandes beweint habe, soll da wirklich eine Handlung, die mir meine Pflicht gebot, dieses Band, das zwanzig Jahre festgeknüpft haben, zerreißen?
»Ich liebe mein Vaterland! Frei und offen will ich es bekennen, und so ein Verräter unter euch ist, der gehe hin und zeige mich an, um meiner freien Worte willen. Ein echter deutscher Mann[1] hat vor wenig Monaten ein goldenes Wort geschrieben; es klinge nach in aller Herzen: – ›Auf denn, redlicher Deutscher! bete täglich zu Gott, daß er dir das Herz mit Stärke fülle und deine Seele entflamme mit Zuversicht und Mut.‹ – So ist auch mein Gebet, und dennoch, Herr mein Heiland, lehre mich, daß ich dein Wort erfülle: ›Liebet eure Feinde!‹«
[1] Ernst Moritz Arndt.
Es war totenstill in der Kirche geworden, nur manchmal wurde ein leises Schluchzen laut. Still, mit gesenktem Kopf saßen Männer und Frauen, Alte und Junge, selbst Stasiu Wietak wagte es nicht, aufzusehen. Neben seiner Mutter saß Walter Flemming, seine junge Seele war tief erschüttert und heiße Scham durchwogte ihn, daß er es vermocht hatte, diesen gütigen Vater so zu kränken. Oben auf dem Chor standen Renate, Hans-Heinrich und Luise, der Magister saß an der Orgel und blickte mit umflorten Augen zu den Kindern hin, »könnt ihr singen?«
Aber diese kämpften noch immer mit ihren Tränen, endlich nahm sich Luise krampfhaft zusammen und sagte mit bebender Stimme: »Vater soll nicht um seine Freude kommen!« Sie trat an die Brüstung vor, da erhob gerade der Pfarrer seine Augen und sah sein Kind stehen. Die kleine hatte die Hände gefaltet und dann begann sie mit leiser, zitternder Stimme: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen!« Erst klang es ängstlich, zagend, dann aber überwand sie die Befangenheit, der Gesang wurde freier, Hans-Heinrich und Renate fielen ein, die Stimmen schwollen an und vereinigten sich in lieblicher Harmonie. Die drei hatten sich angefaßt, Hand in Hand standen sie droben. Der Sonnenschein lag auf ihren jungen Häuptern, sie standen ganz im hellen strahlenden Licht. Und ihre klaren Stimmen flehten und jauchzten, sie fühlten es alle drei, so hatten sie noch nie gesungen, und so im innersten Herzen bewegt hatte Magister Richter noch nie den Gesang seiner Schüler begleitet.
Als der Geistliche die Kirche verließ, stand die Gemeinde wartend vor der Tür, allen voran schritt Friederike von Seeheim auf ihn zu, sie neigte das stolze Haupt, streckte beide Hände aus und sagte laut und fest: »Verzeihung, mein Freund!«
Männer und Frauen drängten ihr nach, alle kamen sie an ihn heran, junge und alte Hände streckten sich dem Pfarrer entgegen und er erwiderte herzlich den Druck. Manche schwielige, harte Arbeitshand hielt er da in der seinen, und seine Augen begegneten ehrlichen, um Verzeihung heischenden Blicken. Worte wurden nicht viel gewechselt, der Pfarrer erkundigte sich nur nach einigen Kranken und erhielt kurze, knappe Antworten, aber er fühlte, das alte Vertrauen, die alte Liebe war wiedergekehrt.